Markus Rosenfelder

Impulse für den Glauben - zehnter Teil - V

Buchcover Die stille Gefährtin  (Foto: Markus Zogg)

Der Herbst ist da und die Tage werden kürzer. Die Stunden, die wir draussen verbringen, werden weniger und für viele Menschen bedeutet dies, mehr einsame Stunden in den eigenen vier Wänden zu verbringen.
Aus diesem Grund beschäftigen wir uns in den nächsten Wochen mit dem Buch von Stephanie Hecke:
"Die stille Gefährtin – Einsamkeit verstehen und überwinden"
(ISBN 978-3-86334-390-3)


Warum fühlen sich immer mehr Menschen einsam?

Neben individuellen Faktoren spielen auch kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen eine grosse Rolle, wenn wir über Auslöser und Verstärker von Einsamkeit reden.

Obwohl die technischen Möglichkeiten zur Kommunikation nie so leicht zugänglich waren wie heute und viele Leute diese als gemeinschaftsstiftend wahrnehmen, fühlen sich immer mehr Menschen einsam und berichten davon, wie schwer es ihnen fällt, Freunde zu finden oder Kontakte zu knüpfen. Viele Menschen erleben die ständige digitale Verfügbarkeit nicht nur als eine neue Freiheit, sondern auch als eine hohe Belastung, durch die sie nur noch selten im Hier und Jetzt präsent sein können. Auch auf der Beziehungsebene hat die Digitalisierung Veränderungen mit sich gebracht. Das tiefergehende Interesse aneinander und das gegenseitige Zuhören kann verloren gehen. Ausschliessliche Beziehungen im digitalen Raum scheinen uns menschliche Wesen in unserem Grundbedürfnis nach Verbundenheit nicht zu erfüllen.
Bei Menschen, die regelmässig am Handy das Leben anderer wie in einem Ersatzleben mitverfolgen, kann mit der Zeit eine Art emotionales Ungleichgewicht entstehen: Einerseits fühlt man sich diesen Menschen vertraut, andererseits wird einem bei jedem Weglegen des Handys bewusst, dass man diese Person nicht wird anrufen können, wenn man jemanden zum Reden braucht, und dass man sich nicht auf einen Kaffee treffen kann. Es ist keine Freundschaft mit beidseitigem Interesse.

Ein weiterer Aspekt, der unser Gefühl der Einsamkeit verstärkt, ist die zunehmende Individualisierung unserer Gesellschaft. Einerseits bringt uns die Individualisierung eine enorme Freiheit, unser Leben so zu gestalten, dass es mit unseren persönlichen Bedürfnissen und Begabungen im Einklang steht. Heute muss niemand mehr aus Prinzip den Beruf der Eltern ergreifen, sondern darf seinen eigenen Weg gehen. Zugleich fördert die Individualisierung eine Kultur, in der jeder für sich selbst verantwortlich ist, stark und unabhängig sein sollte. Diese Kulturveränderung führt zwangsläufig zu einer Vereinzelung, durch die unsere Gesellschaft anonymer wird. Ein Beispiel dafür sehen wir in unserer Wohnkultur. In mehr als einem Drittel der rund 4 Millionen Privathaushalte in der Schweiz lebt nur eine Person.

Warum fühlen sich immer mehr Menschen einsam? Unsere Welt verändert sich, sie wird vernetzter, aber auch einsamer. Das bedeutet, wir müssen wachsam sein, nicht nur für uns selbst, sondern auch für die Menschen um uns herum. Und es ist dringend erforderlich, kluge Konzepte für neue Fürsorgegemeinschaften zu entwickeln.

Reflexionsfrage:
Kenne ich Menschen in meinem Umfeld, die in einem Einpersonenhaushalt wohnen? Wie könnte ich ein besonderes Augenmerk auf Ihre Befindlichkeit legen?


Wir sind gerne bereit für Seelsorgegespräche. Melden Sie sich bei Pfarrer Alexander Lücke
oder Sozialdiakon Markus Zogg.
Bereitgestellt: 18.09.2025