Impulse für den Glauben - XXI

Bild Die Rückkehr des Verlorenen Sohnes (Foto: Markus Zogg)

Die Geschichte des Verlorenen Sohnes ist zu finden im Lukas-Evangelium Kp. 15, 11-32
Die eigentliche Mitte des Rembrandt-Bildes sind die Hände des Vaters. Auf sie ist alles Licht gebündelt. Auf sie sind die Augen der Umstehenden gerichtet. In Ihnen ist das Erbarmen verkörpert. In ihnen kommt Vergebung, Versöhnung und Heilung zusammen. Durch sie finden auch wir Ruhe und Frieden. Es sind nicht nur die Hände Gottes, sondern auch die Hände unserer Eltern, Lehrer, Freunde, Helfer und alle derer, die Gott uns gibt, um uns daran zu erinnern, wie sicher gehalten und geborgen wir sind.
Die linke Hand des Vaters, die auf der Schulter des Sohnes ruht, ist kräftig und muskulös. Diese Hand scheint nicht nur zu berühren, sondern mit ihrer Kraft auch zu halten. Wie anders ist die rechte Hand des Vaters. Sie hält nicht und greift nicht. Sie ist feingliedrig, sanft und sehr zärtlich. Die Finger liegen eng aneinander und wirken elegant. Die Hand liegt weich auf der Schulter des Sohnes. Der Vater ist nicht einfach ein Patriarch. Er berührt den Sohn mit einer männlichen und einer weiblichen Hand. Er hält und sie streichelt. Er bekräftigt, sie tröstet.
Da ist aber auch der grosse rote Umhang. Mit seiner warmen Farbe und seiner bogenartigen Form bietet er einen Ort des Willkommens, wo es gut ist zu sein. Tag und Nacht möchte uns Gott sicher halten, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Fittiche nimmt und sicher geborgen hält. In Psalm 91 lesen wir: „Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen, der sagt zum HERRN: Du bist für mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue… Er beschirmt dich mit seinen Flügeln, unter seinen Schwingen findest du Zuflucht.“ Das sind wohltuende Worte. Das Herz des Vaters ist nicht in ein Mehr oder Weniger geteilt. Bei der Rückkehr seines jüngeren Sohnes macht der Vater keinerlei Vergleich mit seinem älteren Sohn. Henri Nouwen schreibt dazu: „In einer Welt, die ständig Menschen vergleicht, sie als mehr oder weniger intelligent, als mehr oder weniger attraktiv, als mehr oder weniger erfolgreich einstuft, ist es nicht leicht, wirklich an eine Liebe zu glauben, die es nicht ebenso macht.“ Der Vater kann nicht verstehen, weshalb der ältere Sohn so neidisch und verbittert ist. Hier liegt der grosse Ruf zur Umkehr: nicht mit den Augen meiner eigenen geringen Selbsteinschätzung, sondern mit den Augen Gottes zu schauen. Die Geschichte vom verlorenen Sohn zeigt uns, dass nicht wir uns für Gott entschieden haben, sondern dass Gott sich zuerst für uns entschieden hat. Das ist das grosse Geheimnis unseres Glaubens. Das erinnert mich an meinen Konfirmationsspruch aus dem Johannes-Evangelium, den ich vor 26 Jahren zugesprochen bekommen habe: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch dazu berufen, damit ihr hingeht und Frucht bringt, die bleibt.“ Es war Gott, der uns zuerst geliebt hat. Die Frage lautet also: Wie kann ich mich von Gott finden, erkennen und lieben lassen?
- Bin ich es wert, dass Gott mich sucht? Kann ich das glauben?
- Hat Gott wirklich den Wunsch, einfach bei mir zu sein?
- Liebt irgendjemand mich wirklich?
- Kümmert irgendjemand sich um mich wirklich?
Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn ist die Geschichte einer Liebe, die da war, bevor irgendwelche Ablehnung möglich war.

Markus Zogg, Sozialdiakon

Impulse für den Glauben - XXI
Bereitgestellt: 04.08.2022     Besuche: 19 Monat
 
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