Episoden aus dem Leben #23

Logo Schreibprojekt (Foto: Markus Rosenfelder)

Ein Schreibprojekt unserer Gemeindemitglieder
Autor M.Z. - Rückblick auf 22 Ausgaben

Im September 2021 starteten wir mit der ersten Ausgabe «Erzähl uns deine Geschichte – Episoden aus dem Leben».

Begonnen haben wir unser Schreibprojekt mit unserer ersten Schreiberin. Sie erzählte vom ersten Auto, das ihr Vater gekauft hatte. Es war ein VW Käfer, der damals wie heute eine Sehenswürdigkeit ist. Autos haben es den Menschen immer schon angetan. Wichtig sind auch die Personen am Steuer: «… und ich hörte meine Grossmutter sagen: Merke dir, am Fahrstil eines Mannes erkennst du den Charakter…» Und sie heiratete ihn. Was man nicht immer versteht, sind die einheimischen Dialekte. So hiess es angeblich: «Sschäleuwi apä». Oder «Gääiechrump». Es ging aber auch international mit Überraschungen zu- und her. Die Rede war vom Schwedischen Kronprinz oder von einer Abschiedsparty eines Ägypters. Dieser gestand, das Double von Omar Sharif in Hollywood zu werden… Vor der zivilen Hochzeit hatte ihr Zukünftiger gesagt: «Du weisst schon, dass du dann nicht ‘Ufwiederluege’ sagen solltest… «Beim Hinausgehen schüttelten wir die Hände des Standesbeamten und ich sagte: ‘Ufwiederluege’.» Sie war zu nervös. Sie begaben sich dann auf ihre erste Reise. In den Hotels mussten sie immer nachweisen können, dass sie verheiratet waren. Ein Mann und eine Frau im selben Hotelzimmer waren damals nur denkbar, wenn sie verheiratet waren. Und dann kamen die Kinder. Zwillinge zu haben war schon damals doppeltes Glück. So sagte sie einmal spontan zu jemandem: «Jaja, wissen Sie, bei zwei Kindern dauert es eben 18 Monate!» Später war ein Ausflug an die Expo64 dran. Es schien, als würden alle Leute auf sie, die auf der Bank sass, starren… Doch bald war klar, dass der Anziehungspunkt Mäni Weber war, ein damaliger Super-Promi, bekannt aus Radio und Fernsehen, der in der Nähe von ihr sass. Beim Tauchgang mit dem U-Boot war die Enttäuschung dann gross. «Kein Wunder, lief doch damals die ganze Kanalisation der Stadt Lausanne in den See»… Kaum zu glauben, aber ein Spitalaufenthalt in der damaligen Zeit (inkl. Operation, 2x Verbandwechseln, Nähte entfernen) kostete gerade mal 120.- Franken. Was das wohl in der heutigen Zeit kosten würde? Besonders aber blieb ein Besuch in einem Mahardscha Palast unvergesslich: «… Es war einfach einmalig und märchenhaft. Indien ist aber nicht nur so, sondern auch exotisch, fremd zum Denken anregend.» Der Vater einer anderen Erzählerin wollte mit seiner Familie aus wirtschaftlichen Gründen nach Brasilien auswandern. Aber der Krieg begrub den Traum abrupt. Sie durchlebte ein bewegtes Leben. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie sich an das Versprechen gehalten: «Einen Besseren habe ich nicht bekommen, und einen gleich Guten wollte ich nicht.» Unsere dritte Erzählerin begann von den ersten Lebensjahren und dem Beginn des zweiten Weltkrieges zu berichten. Sie erzählte von der bekannten «Anbauschlacht» und den Evakuierungen, die sie erlebten. Und von den Propagandarufen, die durch das Radio bis in die Schweiz in ihr Haus dröhnten. Alles war rationiert. Einmal gab es bei der Grossmutter Meringues. Vorher mussten die Fenster geschlossen werden. Rahm und Butter waren besonders knapp. Den Konfirmandenunterricht erlebte sie sehr gut. Es blieben aber auch viele Fragen offen. Das Jahr 1949 war ein wichtiges Jahr in ihrem Leben. Es ging um die Berufswahl. Für ihr Vater war das Theater sehr wichtig. Dann wurde er krank und die Freizeitbeschäftigungen wurden zu Nebensächlichkeiten. Die ganze Familie fand zum Glauben an Gott. Ihren künftigen Mann lernte sie kennen, weil dieser wegen einer Verletzung eine andere Arbeit verrichten musste. Damit niemand etwas von ihrer Liebe erfuhr, trafen sie sich unten beim Bachbett. Doch jemand beobachtete sie… Dann heirateten sie und verbrachten viele Jahre im Ausland. Das Leben in Afrika war kein «Zuckerschlecken». Es gab keine Einkaufsläden. Man lebte von dem, was auf den Märkten angeboten wurde. Die Arbeitstage begannen früh, weil nach dem Mittag das Arbeiten wegen der Hitze nicht mehr möglich war. Die ersten Kinder kamen. Und damit auch krankheitsbedingte Schicksalsschläge. Einmal kam ein Einheimischer zu ihnen und erzählte ihnen, er habe die letzten fünf Tage nichts gegessen. Sofort holten sie in ihrer Vorratskammer etwas Essbares. Später erfuhren sie, dass es eine Redewendung sei, wenn man keinen Hirsebrei gegessen habe. Man müsste antworten: «Was ist sonst durch deinen Magen gegangen?» Sie eröffneten eine Poli-Klinik. Schnell sprach sich herum, dass da medizinische Hilfe angeboten würde. Bald schon kamen täglich über 40 Patienten vorbei. Die Familie wuchs auf 5 Mitglieder. Das Ehepaar lernte immer mehr Leute kennen, darunter auch Sultane. Das waren «Türöffner» für die Missionsarbeit. Die gesundheitlichen Probleme zwangen das Ehepaar dann, die Rückkehr in die Schweiz zu planen. Die Geschichte würde noch weiter gehen. Aber an dieser Stelle möchten wir erwähnen, wer uns diese Geschichte anvertraut hat. Es war Lina Gimmel, die kürzlich 90jährig nach einem sehr bewegten Leben verstorben ist. Ich habe Lina Gimmel im Alterszentrum Heideweg in Brunnen mehrmals besucht und sie als aufgestellte, fröhliche Person kennengelernt. Wenn man bedenkt, welche familiären Schicksalsschläge sie ertragen musste, kann einem ihre Lebensfreude überraschen. Diese hat sie bis zum Ende ihres Lebens bewahrt. Ihre Erzählungen haben mich sehr beeindruckt. Sie liebte Gott und setzte alles daran, dass die Liebe Gottes nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Afrika bekannt wurde. Ihr Glaube an Gott ist für mich ein Vorbild.

Brunnen, 4. Juli 2022
Markus Zogg, Sozialdiakon Evang.-ref. Kirchgemeinde Brunnen-Schwyz



WICHTIGE INFO: An dieser Stelle teilen wir Ihnen mit, dass die «Episoden aus dem Leben» eine Sommerpause machen. Gerne würden wir im September mit den spannenden Lebensgeschichten weitermachen. Es fehlen uns Menschen, die uns ihre Geschichten und Episoden aus dem Leben anvertrauen. Wenn Sie etwas Spannendes aus Ihrem Leben zu erzählen haben, nehmen Sie bitte Kontakt auf mit unserem Sozialdiakon, Markus Zogg: markus.zogg@ref-brunnen-schwyz.ch oder 076 452 52 21.



Episode 23 - M.Z. R├╝ckblick auf 22 Ausgaben

Bereitgestellt: 07.07.2022     Besuche: 38 Monat
 
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