Episoden aus dem Leben #22

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Ein Schreibprojekt unserer Gemeindemitglieder
Autor L.G. - Von Sultanen und anderen Nebensächlichkeiten

Der Sultan hatte nichts dagegen. Als dann die ersten Kirdi ihre Amulette verbrannten und sich lossagten von der Zauberei, waren wir sehr glücklich. Wir sahen es mit unseren eigenen Augen und hörten es in den Gesprächen, wie der Aberglaube die Leute einschüchterte und davon ablenkte, das Leben als Geschenk zu sehen und es auch zu geniessen. Für uns war klar, dass wir so schnell als möglich den Dienst in der Stadt aufnehmen wollten, um besseren Kontakt mit den Leuten zu haben. Der Markttag fand immer am Sonntag statt und das ganze Volk war versammelt. Das war eine gute Gelegenheit viele Leute im Gottesdienst und am Nachmittag in den Leseklassen zu begrüssen.
Eigentlich wollten wir nicht über alte Autos, Reparaturen usw. berichten. Wir waren der Meinung, dass wir Besseres zu tun hätten. Oder mussten wir dadurch einfach Geduld lernen? Unsere Hilfsmittel waren ein VW Transporter und unser Ami-Break. Wie dankbar waren wir dafür. Zwei Ehepaare aus Deutschland besuchten uns. Ihr altes Armeefahrzeug hatte eine Panne. Sie wollten so schnell als möglich durch die Wüste zurückreisen, denn schon bald sollten sie ihre Arbeit wieder aufnehmen… Sie reparierten ihr Auto im Eilverfahren, mitten am Tag, in der drückendsten Hitze. Sie tranken unser ganzes Filterwasser weg und am Abend um halb zehn wollten sie losfahren, ohne Ruhepause und Bremsöl. Mein Mann warnte sie, dass dies unverantwortlich und zu gefährlich sei. Die eine Frau hat diese Panne satt: „Nächstes Jahr gehe ich in den Schwarzwald in die Ferien.“ Wir gaben den Reisenden Post mit für meine Schwester in der Schweiz. Später erfuhren wir, dass die Gruppe in Nigeria, nicht weit von der Grenze zu Kamerun, einen schrecklichen Autounfall hatten. Die Frau, die ihre nächsten Ferien im Schwarzwald erleben wollte, kam beim Unfall ums Leben. Ihr Mann besuchte meine Schwester, brachte unsere Post und erzählte ihr die Geschichte. Die Hitze und der Durst sind Faktoren, die nicht zu unterschätzen sind. Den ganzen Tag mit 40 Grad am Schatten zu arbeiten und dann loszufahren ist eine grosse Unachtsamkeit.
Wenn man im Mai nach Ngaoundéré in die Ferien reisen kann, bedeutet dies der Traum eines müden abgespannten Missionars. Dort in den Bergen ist es kühl. Welch eine Wohltat. Endlich konnten wir auch unsere Kinder wieder sehen. Wir waren während 5 Jahren in Godigong. Nun öffnete sich für uns ein neues Wirkungsfeld in Mora . Wir konnten von einem hohen Beamten ein Haus mieten. Es war natürlich nicht wie in Europa. Es fehlte z.B. die Zimmerdecke. Es gab nur Klappfenster und keine Fliegengitter. Die Toilette und Dusche waren vorhanden. Aber die Küche mussten wir selber einrichten. Fliessendes Wasser gab es dort damals im Jahr 1966 auch noch keines. Und auch keine Waschmaschine. Elektrischer Strom war Wunschdenken. Wir benutzten Sturmlaternen. Die Lage des Hauses war gut und wir freuten uns, endlich bei den Leuten zu sein, wo es uns einfacher fiel, die Mandara-Sprache zu erlernen.
Wir hatten immer ein gutes Verhältnis zum Sultan der Mandara. Wollte man ihm ein kleines Geschenk machen, brachte man ihm eine Schachtel Käse. Er liebte auch unseren selbstgemachten Zitronensaft. Oft kam er mit seinem Pferd in unser Dorf um uns zu grüssen. Vor ca. 300 Jahren hatten die Mandara den Islam als Religion angenommen, um dem sicheren Tod zu entgehen. Daraus entwickelt hat sich ein Volksislam, verbunden mit viel Zauberei und heidnischen Opfern. Der Sultan hatte viele Frauen und ungefähr 70 Kinder, eine eigene Schule und eigene Lehrer. Kamerun wurde im Jahr 1960 unabhängig. Der erste Präsident war ein Fulbe, aus dem muslimisch geprägten Norden des Landes. Das prägte die politische Lage im Land und machte die Situation der Christen schwieriger. Alle wichtigen Posten wurden durch Muslime besetzt.

(1) Ngaoundéré ist eine Stadt im Norden Kameruns, am Rande des Hochlandes von Adamaua gelegen und Hauptstadt der Region Adamaoua. Sie liegt auf einer Höhe von über 1'000 m. Ngaoundéré hat über 200'000 Einwohner und wurde wesentlich vom Islam geprägt. Der Ort ist Sitz eines Stammesfürsten der Fulbe und hat eine Bedeutung als landwirtschaftliches Handelszentrum, ist Sitz einer Universität für Agrikultur und Technologie mit rund siebentausend Studenten sowie Standort der Schmuckherstellung. Geohydrologisch ist Ngaoundéré interessant, da es sich an der Wasserscheide dreier grosser Einzugsgebiete befindet, insbesondere das Quellgebiet des Flusses Vina, der als längster der Quellflüsse des Logone ist, einem 965 Kilometer langen Fluss in Zentralafrika.
(2) Mora ist eine Stadt in der Provinz «Extrême-Nord», die die nördliche Spitze Kameruns bildet. Sie liegt nahe der Grenze zu Nigeria.
(3) Das noch heute als traditioneller Staat existierende Mandara-Königreich wurde kurz vor dem Jahre 1500 von der weiblichen Herrscherin Soukda und dem nicht Mandara-stämmigen Jäger Gaya gegründet. Das Königreich liegt im heutigen Kamerun im Gebiet des Mandara-Gebirges. Das heutige Volk der Mandara stammt von den Einwohnern des Königreiches ab.


Episode 22 - L.G. Von Sultanen und anderen Nebensächlichkeiten

Bereitgestellt: 23.06.2022    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch