Episoden aus dem Leben #21

Logo Schreibprojekt (Foto: Markus Rosenfelder)

Ein Schreibprojekt unserer Gemeindemitglieder
Autor L.G. - Heimaturlaub und 3. Ausreise

„Was macht ein Missionar die ganze Zeit in seinem Heimaturlaub‘?“ Diese Frage wurde uns häufig gestellt. Ganz wichtig war zunächst, dass wir uns im Tropeninstitut auf die verschiedenen „Käfer“ untersuchen liessen. Wir waren froh, in der Nähe von unseren Familien und Freunden zu wohnen. Es tat gut Freundschaften aufzufrischen und unsere Liebsten wieder zu sehen. Unser Unterstützerkreis war daran interessiert, von uns über die Missionsarbeit informiert zu werden. Es standen viele Vortragstermine in Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen bevor. Als wir uns bereit machen wollten für eine Konferenz, bekam ich plötzlich einen starken Schüttelfrost und hohes Fieber. Ich erkrankte an Malaria. Unsere Teilnahme an der Konferenz musste abgesagt werden. Es tat gut immer wieder unsere Familie und Freunde zu sehen. Wenn man lange Zeit nur über die Distanz den Kontakt aufrechterhalten kann, sind die direkten Begegnungen umso kostbarer. Bald schon galt es aber dann wieder die nächste Ausreise vorzubereiten. Im Herbst 1965 traten wir unsere 3. Ausreise an. Für uns als Familie war die Schiffsreise ein besonderes Erlebnis. Wir konnten endlich mal lange Ferien machen. An Bord ein „Swimmingpool“. Ledergut und Seil mussten dienen als Schwimmgurt. Die Kinder hatten eine eigene Kabine und wir auch. Wir konnten jede Menge Gepäck mitnehmen. Auch unser Auto. Mit an Bord war auch der Präsident von Liberia. Seine Frauen durften den Gottesdienst besuchen, den wir durchführten. Er wurde dann in den verschiedenen Häfen auch überall begrüsst. Bei der Ankunft in Douala (1) ging alles gut, auch mit den Zollformalitäten.
Die Schule unserer Kinder sollte französisch geführt werden. Also hiess es, so rasch als möglich, diese Sprache zu erlernen. Aber das Schulzimmer… Es war in einem derart desolaten Zustand, dass es zuerst instand gestellt werden musste: es gab keine Zimmerdecke, das Blechdach war durchlöchert. Die Kinder mussten während dem Unterricht als Sonnenschutz die Hüte tragen. Bald schon fand der Schulunterricht nur am Morgen statt, weil die Hitze am Nachmittag zu gross war. Die Kinder erlernten erstaunlich schnell die französische Sprache. Nach zwei Monaten konnten sie sogar schon auf Französisch beten.
An unserem neuen Wirkungsort waren wir flexibler. Wir konnten unseren Dienst auch in den umliegenden Dörfern tun. Da war zum Beispiel Limani, ein besiedelter Ort. Wir versprachen dem Dorfchef, dass wir bei der Poliklinik keine Sonntagsgottesdienste abhalten würden. Stattdessen versammelten wir uns im Nachbardorf Banki, das über dem Fluss lag. Das Dorf wurde geteilt durch die Grenze nach Nigeria. Für Christen gibt es aber keine Grenzen. Der Polizeichef, ein aufrichtiger Christ, konnte erreichen, dass wir die Sonntagsgottesdienste in der Polizeistation abhalten durften. Der Gottesdienst wurde in drei Sprachen gehalten: Hausa (2), Fulfulde und Französisch. Von Berggebieten in Mora nahmen teilweise bis zu 50 Leute den beschwerlichen Weg auf sich, um an unseren Gottesdiensten teilzunehmen. Es sind Leute der Kirdi (3), einer Reihe von kleinen Ethnien. Im Gegensatz zu den benachbarten islamischen Gesellschaften sind sie von traditionellen afrikanischen Religionen geprägt. Der Dorfchef meinte, ob wohl der Sultan nichts dagegen hätte, wenn alle Christen würden?

(1) Douala, im Deutschen Duala, ist mit rund 3 Millionen Einwohnern die größte Stadt Kameruns. Sie ist nach dem Volk der Duala benannt. Die ehemalige Hauptstadt (bis 1920; seitdem Yaoundé) bildet als Wirtschaftsmetropole das Finanz-, Industrie-, Handels- und Kulturzentrum sowie den Verkehrsknotenpunkt des zentralafrikanischen Staates.
(2) Hausa ist eine afroasiatische Sprache mit einer Sprecherzahl von ungefähr 30 bis 50 Millionen Menschen, die grösste der westlichen tschadischen Sprachen. Die Hausa sind eine Ethnie, die in weiten Teilen Nord-, West- und Zentralafrika lebt: Sudan, Kamerun, Ghana, Tschad, Elfenbeinküste, Benin, Zentralafrikanische Republik, Togo, Äquatorialguinea, Algerien, Gabun, Kongo, Gambia, Burkina Faso. Der Schwerpunkt der Besiedlung bildet der Norden von Nigeria und der Südosten Nigers. Aufgrund der Zuwanderung leben auch in Staaten Europas, insbesondere in Frankreich und Deutschland, Bevölkerungsgruppen der Hausa.
(3) Als Kirdi wird eine Reihe von kleinen tschadischsprachigen Ethnien im Norden Kameruns bezeichnet. Im Gegensatz zu den benachbarten islamischen Gesellschaften sind sie von traditionellen afrikanischen Religionen geprägt. Mit mehr als 1,9 Millionen Menschen machen sie etwas elf Prozent der kamerunischen Bevölkerung aus. Die meisten sind Viehzüchter oder Ackerbauern. In der vorkolonialen Zeit wurden sie von den expaniderenden Fulbe-Gesellschaften assimiliert oder in die Schutzlagen der Berge und in die Sumpfgebiete abgedrängt.


Episode 21 - L.G. Heimaturlaub und 3. Ausreise

Bereitgestellt: 09.06.2022     Besuche: 30 Monat
 
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