Gottesdienst

Gottesdienst
So. 16.08.2020, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ref. Kirche Brunnen, Alte Kantonsstrasse 8, 6440 Brunnen
(...) und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Johannes 8,32

Am letzten Sonntag habe ich zu thematisieren versucht, wie ich geworden bin, der ich und wie ich in meiner Biographie mit dem Wahrheitsanspruch der Bibel gelernt habe umzugehen. Ich habe geschildert, dass die Elijaerzählung ein Märchen im besten Sinn sein will und möchte als Verarbeitung von Ängsten und Gefühlen verstanden werden.

Das ist natürlich ein subjektiver Einblick gewesen, wie es für mich verständlich ist, sonst müsste ich mein Gottesbild aufgrund eines wortwörtlichen Schriftverständnisses revidieren, ihn für tot oder abwesend erklären. Oder Gott die Eigenschaften der Liebe absprechen. Beides aber widerspricht meinem Verstand und auch meinen Gefühlen, darum halte ich am Gott der Liebe fest, fest an einem mich übersteigenden, personalen Prinzip – klingt gar nicht schön – besser einer Sonne der Erkenntnis, welche mich überragt, mich ins Leben und ins Sterben führt, mir Hoffnung gibt, genau dort wo kein Ausweg mehr zu sehen ist, dort wo ausschliesslich nach der Nützlichkeit und nicht nach Menschenwürde gefragt wird.

Die Frage nach der Wahrheit ist so gross, dass man daran fast zwangsläufig scheitert. Auch heute will ich nochmals um diese Wahrheit ringen. Und die Frage stellen, in welcher Zeit wir leben. Abhängig davon, wie wir diese Frage beantworten, werden wir auch zu unterschiedlichen Antworten kommen. Weil die Zeit in der wir meinen zu sein, auch die Vorstellung der Welt und die Vorstellung von Gott prägt. Ich könnte auch fragen, in welchem Narrativ, in welcher Geschichte du gerade lebst? In einem Märchen mit Gut oder Böse, in dem am Schluss alles aufgeht und der Held gewinnt? Glaubst du an Qannon, denkst, dass eine mächtige Elite das Blut kleiner Kinder opfert und dir Bill Gates einen Chip implantieren will, um dich zu überwachen? Lebst du im Glauben, dass du ein Opfer bist, dass du überfordert von dieser Welt wirst. Wo und in welcher Zeit lebst du?

Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst. Danke, dass Sie bereit sind zuzuhören. Dass Sie auch mir nicht ganz eine Stunde Zeit schenken. Ich mute Ihnen heute einige abstrakte Gedanken zu, weil sie mich bewegen.
In diesem Geschehen des Gottesdienstes haben Sie – ohne Koketterie – den wichtigeren Dienst – sie haben (so gilt das ungeschriebene Gesetz) zuzuhören. Genau darum geht es zu hören, zuzuhören. Und ich hoffe, dass es dann gelingt in einen Dialog zu kommen, in einen Austausch. Ich würde mich sehr, sehr freuen!

Lesung: Der Sturm auf dem See
Markus 4, 35-41

35 Und Jesus sagt zu ihnen am Abend dieses Tages: Lasst uns ans andere Ufer fahren. 36 Und sie liessen die Leute gehen und nahmen ihn, wie er war, im Boot mit; auch andere Boote waren bei ihm. 37 Da erhebt sich ein grosser Sturmwind, und die Wellen schlugen ins Boot, so dass sich das Boot schon füllte. 38 Er aber schlief hinten im Boot auf dem Kissen. Und sie wecken ihn und sagen zu ihm: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen? 39 Da stand er auf, herrschte den Wind an und sprach zum See: Schweig, verstumme! Da legte sich der Wind, und es trat eine grosse Windstille ein. 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Und sie gerieten in grosse Furcht, und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dem selbst Wind und Wellen gehorchen?


Predigt

Die heutige Lesung spielt sich in historischen Zeiten ab. In der Vormoderne, einer Zeit in die wir uns fast nicht eindenken- und einfühlen können. Wenn ich es dennoch versuche, dann stelle ich mir vor, dass die Menschen geprägt sind von magischem Denken, sie glauben an übernatürliche Phänomene und an Wunder.

Mir ist das fremd, aber trotzdem finde ich den «Sturm auf dem See» eine schöne Geschichte. Jesus befiehlt den Elementen. In einer anderen Sturmgeschichte läuft er ja sogar über Wasser und Petrus versucht es ihm gleichzutun. Jesus hat in all diesen Stürmen eine eindrückliche Autorität. Es ist mir fast ein bisschen zu viel. Der ängstliche Jesus im Garten Gehtsemane, ja er ist mir näher, dort ist er menschlicher.

Ist dieser Glaube den Jesus da einfordert wirklich so selbstverständlich? Das Schiff geht fast unter und der Meister schläft. So kommt es mir auch vor in meinem Glauben- und Gebetsleben. Ich bete wie wild, wenn ich in einen Sturm gerate, aber Gott scheint eingeschlafen zu sein.

Die Geschichte, das erscheint eindeutig, will deutlich machen, dass Jesus alles im Griff hat, dass wir ihm in unseren Stürmen vertrauen können und sollen. Ihm gehorchen Wind und Wellen! Wovor soll ich Angst haben? Aber ich habe Angst, es erscheint so vieles brüchig. Soll ich mich mit magischem Denken und Übersinnlichem beruhigen?

Ja, ich kenne Menschen, welche das tröstet. Ich habe auch zu ihnen gehört. Aber jetzt erlebe ich es anders. Mein Verstand kontert, wenn ich davon ausgehe, dass Gott alles kann, müsste er doch auch eingreifen. Meine Gefühle sagen, wenn Gott eingreifen könnte, es aber nicht tut, dann muss etwas mit seinem Einfühlungsvermögen, seiner in der Bibel allgegenwärtigen Liebe etwas nicht stimmen. Beide Gedanken frustrieren mich.

Die ersten Christen haben sich durch die Erzählung vielleicht getröstet gefühlt. Sie haben aber auch in der Vormoderne, in der Antike gelebt. Und ich meine das jetzt nicht als Abwertung dieser Menschen.

Es ist eine andere Zeit gewesen, es hat ein anderes Weltbild geherrscht. Aber ich kann meinen Verstand, mein Wissen und meine Erkenntnis nicht kommentarlos an der Garderobe abgeben und einfach schlucken, was in einem kindlichen Glauben vielleicht noch funktioniert.

Und ich kann auch nicht meine Gefühle ausser acht lassen, welche sagen, wenn Gott nicht hilft, wenn er helfen könnte, dann ist er kein Gott der Liebe. Aber ich will ja seiner Liebe glauben, hoffen und vertrauen. Und es macht mir ja auch denkerisch Sinn, dass es Gott geben könnte. Ich will glauben und mit meiner Gefühlswelt aufgehoben sein. Und so ziehe ich den Schluss, dass es einfach nicht stimmt, dass wer ihn sucht, ihn dann auch findet. Ich komme an eine Grenze des Erlebens und der Erfahrung mit den Fragen welche die heutige Zeit stellt. Ich kann nicht mehr so tun, als würde ich in der Antike oder im Mittelalter leben.

Definieren wir kurz, welche beiden Zeitepochen und welche Werte uns aktuell prägen.

Zuerst zur Moderne:

Unter Moderne verstehe ich eine Epoche und ihre Menschen nach der Aufklärung, die gelernt haben selber zu denken. Der Verstand gibt mir Erkenntnis und nicht ein diffuses magisches Hoffen.

Aber diese Idee der Moderne ist dann im 20. Jahrhundert krachend gescheitert. Der harte Rationalismus, die Orientierung am Nutzen und Zweck, die sich an Leistung, Wirtschaftlichkeit, Erfolg und Stärke misst, ist erschütternd schlimm gescheitert. Zwei Weltkriege, der Holocaust, eigentlich auch die Klimakrise, der Verlust von Biodiversität, die Massenproduktion in Industrie und Landwirtschaft, die Industrialisierung und Rationalisierung, das alles sind die Konsequenzen einer kalten Verstandesorientierung, die immer nach einem Nutzen fragt, der sich mit Zahlen misst. Wenn ich mich also dem Grundgedanken unterordne, dass alleine der Verstand und die daraus abgeleitete Wahrheit zählen.

Als starke Gegenbewegung hat die Postmoderne das Gefühl, das Erleben ins Zentrum gestellt. Der Slogan der Hippies «Sex, Drugs und Rock’n Roll» stehen z.B. dafür. Die Wahrheiten der Moderne, der kalte Rationalismus ist ironisch kritisiert, «weggelacht» und weggefeiert geworden. Post heisst nachher. Postmoderne heisst die Zeit nach der Moderne. Sie hat zu einem Relativieren eines absoluten, totalitären Wahrheitsanspruches geführt. Es gibt nicht nur eine Perspektive der Wahrheit, sondern viele Aspekte und Stimmen der Wahrheit. Das führt natürlich zwangsläufig zu Unsicherheit. Institutionen wie die Kirche, der Staat und bewährte Traditionen sind gehörig gerüttelt, geschüttelt und dekonstruiert geworden. Die Glaubenssätze der Moderne und Vormoderne werden kritisiert, hinterfragt und abgebaut.

Kurz zusammengefasst: Die Moderne orientiert sich seit der Aufklärung am Verstand und darauf folgt ca. ab den 68-Jahren die gefühlsorientierte Postmoderne.

Dieser Abbau, diese Verunsicherung der Werte, Wahrheiten und Institutionen mit ihrem negativen Höhepunkt mit der Wahl des US-amerikanischen Präsidenten und seiner Verhöhnung der Institutionen führt zu einem Scherbenhaufen. Was gilt noch? Das Lebensgefühl ist Verunsicherung. Man spürt, wir sind am Beginn einer Zeitwende oder schon längst mitten drin?

Die Moderne und die Postmoderne sind vorbei, es braucht jetzt eine neue Zeit. Auch in der Kirche: Ecclesia semper reformanda, auch die Kirche muss sich ständig erneuern, haben die Reformatoren und auch Karl Barth gefordert.

Wenn ich meine Synthese auf die Sturmstillung anwende, welche Schlüsse kann ich dann daraus ziehen, welche Veränderung darf ich dann zulassen?

Es braucht ein Synthese der beiden vorherigen Epochen, man nimmt das Beste und rekonstruiert sein Weltbild neu. Man wertschätzt das Vergangene und schneidet ab, was sich nicht bewährt hat und nicht überzeugt.

Das neue ist für mich Ich zu sagen, aber gleichzeitig auch Verantwortung zu übernehmen. Im Sturm braucht es mich als einen, der hinsteht und sagt, ich lass mich nicht treiben. Ich gebe nicht auf. Und bevor der Sturm kommt, bekenne ich mich ganz bewusst zu ausgewählten, moralischen Prinzipien, die Werte welche mir dann beim Rudern helfen.

Der wichtigste Wert, durchaus auch biblisch abzuleiten, ist im Dialog zu bleiben, sich immer wieder einzulassen auf Verständigung und die andere, mir fremde Sicht. Es geht um mich, aber nicht nur um mich, nicht nur um mein Individuum, um meine Verwirklichung, sondern genauso stark ums Gemeinwohl, um eine persönliche Betroffenheit, um Beteiligung. Ich kann in meinem Schiff sitzen (mit oder ohne Jesus) und drauf los jammern wie schlimm meine Lage ist, ich kann auch zu Demonstrationen aufrufen, mich empören und Hilfe von aussen einfordern, Gesetzesänderungen und beginnen Begriffe zu verbieten und die Wahrheit in der politischen Korrektheit suchen, ich kann Moralisieren oder Endzeitfantasien entwickeln und an Verschwörungsmärchen glauben. Nur was bringt dieser Energieaufwand? Ich muss selber beginnen, etwas zu tun, vorleben, eingreifen, mitzusteuern versuchen in der Hoffnung, dass mir Kräfte geschenkt werden, welche ich mir niemals zugetraut hätte. Das ist die neue und vielleicht auch alte Glaubensgewissheit, das ist das neue optimistische Vertrauen.

Das wichtigste aber ist, sich an der Wertschätzung und der Würde des Menschen zu orientieren, welche nicht nur aus Verstand, nicht nur aus Gefühlen besteht, sondern auch eine Seele und einen Körper hat.

Vielleicht ist das die Chance der Post-Postmoderne, welche sich an einer neuen Körperlichkeit, einer Erdung im Hier und Jetzt zeigt. Wenn ich Gott glauben will, dann muss ich meinen Beitrag zum Rudern leisten, gerade wenn es scheint, dass er schläft, vielleicht sogar komplett «abgesofffen» ist und alles untergehen lässt.

Das Neue ist meine Tat, dass ich meine Ebenbildlichkeit Gottes ernst nehme, welche befähigt zu denken, zu fühlen und dann auch das eigene Handeln nicht zu vergessen. Warum seid ihr so furchtsam? Weil wir meinen dem schlimmen Sturm ausgeliefert zu sein, aber stimmt das wirklich? Die christliche Hoffnung ist die, dass Gott an mich glaubt, ihm dem Wind und Wellen gehorchen. Wind und Wellen auf einem Schiff, die heute anders aussehen, als zur Zeit Jesu. Amen
Kontakt: Samuel Wagner
 
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