Gottesdienst

Schnecken <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Samuel&nbsp;Wagner)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-brunnen-schwyz.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>60</div><div class='bid' style='display:none;'>6049</div><div class='usr' style='display:none;'>34</div>
Gottesdienst
So. 09.08.2020, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ref. Kirche Brunnen, Alte Kantonsstrasse 8, 6440 Brunnen
Jesus sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Johannes 14, 6

In meiner Auszeit im Juni und dann auch noch daran anschliessend im Juli u.a. in meinen zwei Wochen Sommerferien habe ich viel gegrübelt. Eine Frage hat mich bewegt: Wie bin ich zu dem Menschen geworden, der ich bin, den Sie heute ganz real in Fleisch und Blut, mit Herz und Seele vor sich haben. Ich bin noch ein wenig unsicher, ob ich Ihnen jetzt lieber ein Märchen auftischen soll oder die historisch korrekte, Wort für Wort wahre Geschichte. Was ist meine wahre Geschichte? Prüfen sie selber, was sie von meinem Lebensweg als wahr anschauen. Später erzähle ich auch noch von Elija. Von ihm gilt natürlich dasselbe. Prüfen Sie gut, was wahr ist...

Aufgewachsen, das wissen einige, bin ich auf einem Bauernhof im Baselbiet. 5 ältere Geschwister, eine Schwester, vier Brüder, Kühe, Hühner, viele Hühner, ein Vater und eine Mutter sie haben mich geprägt. Vor jedem Essen ist gebetet und gesungen worden. Beim Zmorgen nach der Stallarbeit haben wir eine Bibelstelle gelesen. Beim Znacht am Abend hat dann jemand die Auslegung im Bibelkalender vorgelesen. Auch wir Kinder haben ab und zu lesen dürfen, vor allem dann, wenn wir das Essen haben beenden wollen, um endlich zu spielen zu können.

Vier meiner Geschwister haben Bauer bzw. Bäuerin gelernt. Ich aber habe mich abgrenzt, ich habe keine Kuh melken wollen, «bin keinen Traktor gefahren» und kann beides bis heute nicht, obwohl unsere Schwiegereltern ironischerweise einen Traktor auf die Hochzeit geschenkt haben. Ich bin anders gewesen. Ich habe zwei linke Hände, bin nicht geschickt im Umgang mit praktischen Dingen, aber vor allem habe ich einfach meinen eigenen Weg gehen wollen. Ich habe viel gelesen, alles was mir unter die Finger kam, ich habe zu Hause als Leseratte gegolten und ich bin ein kleiner Naseweiss und Besserwisser gewesen. Sehr oft habe ich ganz andere Meinungen vertreten, als das was in meiner Familie vorgeherrscht hatte. Ich habe mich aufgelehnt und habe liebevoll «als Rebell» gegolten. Irgendwie ist man sogar stolz auf mich gewesen.

Unsere Familie ist pietistisch geprägt gewesen, was bedeutet, dass man täglich in der Bibel zu lesen hat und mit Gott eine Beziehung mit Gebet aufbaut und am Sonntag in die Kirche geht. Schon damals sind wir mit diesen Werten ein bisschen aus der Zeit gefallen... So habe ich es empfunden. Das anders-sein kann einsam machen, ausgrenzen oder blossstellen, weil man aus der Reihe tanzt.

Das alles hat mein Verständnis der Welt geprägt. Ich habe verstanden, die welche glauben, kommen dann mal in den Himmel, die Bösen aber in die Hölle. Das hat mir einerseits eine Art Grundvertrauen geschenkt, dass die Welt aufgehoben ist. Aber ich habe auch Ängste aus diesem Gottesbild heraus entwickelt. Es hat in mir die Vorstellung ausgelöst, dass ich ausgeliefert, klein, hilflos und ohnmächtig bin. Aber trotzdem habe ich mich nicht radikal gelöst, sondern meinen Weg gesucht. Ich glaube, ich habe mich auch nicht davon lösen können, weil es mir intellektuell eingeleuchtet hat, dass Gott existiert.

Die Bibel hat bei uns als «Wort Gottes» gegolten, ich habe gelernt, dass man ihr nicht widerspricht, was umso mehr meine Gegenworte ausgelöst hat, aber auch ein «Chrüsimüsi» im Fühlen und Denken. Man hatte der Bibel zu glauben. Eigentlich auch wortwörtlich. Sie enthält die Wahrheit und nur sie. Ich habe gespürt das ist nicht nur falsch, aber trotzdem zu einfach.

Meine Strategie ist gewesen den Stier an den Hörnern zu packen. Und ich habe meine Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen zum Beruf gemacht. Glaube als Ringen um die Wahrheit, als Ringen um Gott mit Gott. Ginge es nicht auch einfacher die Suche nach Wahrheit? Wäre es nicht viel bekömmlicher diese Frage zu ignorieren und zu verdrängen?






Lesung: 1. Könige 19. 4-8

Elija aber ging in die Wüste, eine Tagereise weit, und als er hingekommen, setzte er sich unter einen Ginsterstrauch. Da wünschte er sich den Tod und sprach: Es ist genug! So nimm nun, DU, mein Leben hin, denn ich bin nicht besser als meine Väter. 5 Dann legte er sich unter dem Ginsterstrauche schlafen. Auf einmal aber berührte ihn ein Engel und sprach zu ihm: Steh auf und iss! 6 Als er sich umschaute, siehe, da fand sich zu seinen Häupten ein geröstetes Brot nebst einem Krug mit Wasser. Da ass er und trank und legte sich wieder schlafen. 7 Und SEIN Engel kam zum zweiten Mal, berührte ihn und sprach: Steh auf und iss, sonst ist der Weg für dich zu weit. 8 Da stand er auf, ass und trank und wanderte dann kraft dieser Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Gottesberg Horeb.

Predigt

Arm und hungrig ist Elija gewesen. Ähnlich fühle ich mich, wenn ich nach langen Wanderungen finde, dass es jetzt genug ist, dass ich keine Kraft mehr habe. Müde, mutlos und abgeschlagen bin.

Aber gut, dieser Elija hat doch gerade einen Wettkampf gewonnen! Rollen wir seine Vergangenheit kurz auf:

In Israel herrscht Hunger. Zwei Jahre hat es nicht geregnet. Elija sagt, schuld seien König Ahab und seine Frau Isebel. Die beiden haben die beiden Götzen Baal und Aschera eingeführt. Korruption, Wahrsagerei und Prostitution im Tempel Gottes haben geherrscht. Die phönizische Prinzessin Isebel hat die Altäre Gottes zerstört und die Propheten umbringen lassen. Dagegen wehrt sich Elija.

Auf dem Gipfel des Karmel kommt es dann zum Showdown zwischen dem Gott Israels und Baal. Eine Szenerie wie zwei Revolverhelden in einem Spaghettiwestern mit Musik des kürzlich verstorbenen Enrico Morricone. Auf der einen Seite Elija, auf der andern Seite hunderte von Götzenpriestern. Welche der beiden Gottheiten schafft es den Altar zu entzünden?

Zuerst sind die Baalspriester dran und schaffen es trotz allem Beten nicht. Um sie zu verspotten, lässt Elija sogar Wasser auf die Feuerstelle leeren, als er an der Reihe ist.

Und nach seinem Gebet erst fällt Feuer vom Himmel. Elija siegt.

Anschliessend befiehlt er die Baalspriester abzuschlachten. Und dann beginnt es zu regnen. Gott hat seine Macht gezeigt. Aber Königin Isebel lässt sich das nicht bieten und befiehlt Elija zu verfolgen. Er flieht und damit sind wir unter dem Ginsterstrauch, bei Elijas Todessehnsucht angekommen.

Eine Geschichte aus der Bibel wie ein Märchen. An Dramatik, Spannung und Action nicht zu überbieten, aber mich lässt so einiges ratlos zurück: Wieso dieses Verspotten, dieses Messen wie zwei Buben, welche sich zeigen wollen, wer weiter «brünzeln» kann? Aber vor allem: Wieso sterben Hunderte Baalspriester? Gewalt und Leid und als Antwort Gegenwalt...

Natürlich macht dieses sinnlose Abschlachten Königin Isebel wütend und natürlich will sie Elija, verfolgen und bestrafen lassen.

Ich habe wenig Mitleid mit ihm, wie er unter seinem Ginsterstrauch liegt und sich seinen Tod wünscht. Anders wäre es, hätte er auf die Rachetat verzichtet, aber so...

Als Kind habe ich manchmal die Bibelstellen, welche wir einander beim Zmorgen und Znacht vorgelesen haben abgeändert, manchmal nur ein Wort, um zu schauen, ob auch alle zuhören.

Dann habe ich mir mehr erlaubt, habe einen Satz ergänzt, habe einen andern weggelassen, um meine Familie zu testen, manchmal hat sich der Wortsinn ins Gegenteil verdreht... bis ich schelmisch gelacht habe und sie gemerkt haben, dass ich sie an der Nase herumgeführt habe...

Bei dieser Geschichte von Elija scheint es auch so, dass da einer mit Worten spielt, sie sogar ins Gegenteil verdreht. Alles ist wie in einem Märchen: voller Wunder und Wendungen. Gott der hörbar spricht, wundersam Essen bringt, ein Gott der die olympischen Spielen im Feuer anzünden gegen Baal gewinnt. Verstörend wie ein Märchen, wenn man es wortwörtlich nehmen würde.

Wenn ich ein Grimmmärchen lesen, könnte man ob der ungeschminkten Gewalt aufgewühlt werden. Ein Wolf, der im «Rotkäppchen» die Grossmutter auffrisst, Eltern die in «Hänsel und Gretel» ihre beiden Kinder im Wald aussetzen und eine Hexe, welche die beiden Kinder auffressen will.

Aber Kinder lieben genau diese Märchen, vielleicht gerade weil sie so drastisch, morbid, und schwarz-weiss sind. Ich kenne kein einziges Kind, welches diese Märchen für wahr hält, die allermeisten Kinder können die symbolische Ebene erkennen und sagen, was wahr ist.

Nur bei den Erwachsenen habe ich das manchmal so meine Zweifel, ob sie in der Lage sind die Märchen zu erkennen, welche einen nüchternen Faktencheck nötig hätten.

Märchen transportieren Empfindungen, Ängste, Scham, Lust, Frust und einiges an indirekter Selbstoffenbarung. Das kann man sich wie ein Rätsel erschliessen. Märchen sind mehrdeutig.

Sie haben eine Absicht, meistens wollen sie Angst, Unsicherheit und Fragen verarbeiten. Manchmal schaffen sie es eine unerträgliche Realität zu verwandeln oder mindestens auszuhalten.

Nicht nur in Märchen ist es Tatsache, dass Kinder ausgesetzt werden, Hunger leiden und auf der Flucht sind. Es ist so, dass Kinder zum Opfer werden, physisch und emotional missbraucht. In Märchen beweisen die Ausgesetzten und Geplagten Mut, zeigen Geschick oder beweisen sich mit einer List.

Welche Absicht hat die Elija-Geschichte? Wer ist Elija?

Elija gilt als einer der grössten Propheten im Judentum. Man muss ihn als christusgläubiger Mensch ernst nehmen, ausser wir vergessen, dass Jesus selber Jude gewesen ist und nicht Christ.

Der Prophet Elija ist mit Mose zusammen äusserst wichtig. Sein Name ist ein Bekenntnis: „Mein Gott ist JHWH“. Jüdische Gläubige rechnen damit, dass Elija vor dem kommenden Gericht zu Umkehr aufruft und zur Versöhnung bewegt. Elija ist auch ein Symbol. Er will Standhaftigkeit in Zeiten von Unterdrückung und Götzenanbetung vorzeigen. Und weil Elija gemäss Bibel nicht gestorben ist, sondern entrückt, tritt er vermittelnd zwischen Gott und den Mensch auf. Ganz nahe bei der Messiasvorstellung.

Und dieser bedeutende Elija hat eine Depression. Er sitzt mit seinem Burnout unter seinem Strauch und sagt zu Gott: Es ist genug! So nimm nun, DU, mein Leben hin, denn ich bin nicht besser als meine Väter. Er rechnet mit sich ab. Er hat es besser machen wollen als seine Vorfahren und macht dann die noch grösseren Fehler...

Seine Spott, seine Rachegelüste, seine Untat und sein Frust wollen unsere Gefühle spiegeln. Elija zeigt mir auf, wie absurd und grotesk wie in einem Märchen es ist, die Wahrheit, die Frage nach Gott als Wettkampf anzuschauen.

Die Suche nach Wahrheit ist doch nicht ein Siegen und Besiegt-werden. Es geht doch nicht darum, welcher Gott besser ist. Ich meine es nicht provokativ, wenn ich sage, dass es sich hier um ein biblisches Märchen handelt. Es ist klar zu erkennen. Am Schwarzweissdenken, an der bösen Königin, den übernatürlichen wunderbaren Wundern, dem Held der alle Gefahren mutig aushält, an der Zuspitzung.

Wahr bleibt diese biblische Geschichte trotzdem, aber nicht in einem wortwörtlichen Verständnis!

Ja, arm und hungrig warten wir auf dieser Welt. Elija bietet sich uns zur Identifikation an. Ich nimm mit: Sei mutig, glaube an Gott, aber sei vorsichtig, wenn du dann meinst die alleinige Wahrheit zu besitzen.

Gott verlässt Elija nicht. Stand wieder auf. Iss. Sonst ist der Weg zu weit. Du brauchst wieder Kraft, um weiterzugehen.
Amen.
Kontakt: Samuel Wagner
 
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