Markus Rosenfelder

Impulse für den Glauben - zwölfter Teil - II

Buchcover Helden des Glaubens (Foto: Markus Zogg)

Nach der Einführung starten wir heute mit unserem ersten Protagonisten aus dem 4. Jahrhundert nach Christus.

Als Grundlage dient uns das Buch «Helden des Glaubens» von Michael Kotsch. (Christliche Verlagsgesellschaft mbH, ISBN: 976-3-86353-078-5)
Wulfila (311-383) – Die erste «deutsche» Bibel

Seine Grosseltern mütterlicherseits waren bei einem Raubzug der Goten durch Kleinasien im Jahr 264 versklavt und verschleppt worden. Wulfila wurde gegen 311 in Gothien geboren. In diesem Teil des Römischen Reiches lebten damals zahlreiche Christen. Wulfilas Vater war Gote und stand, wie die meisten Goten mit ihm, dem christlichen Glauben zunächst kritisch gegenüber. Schon als Jugendlicher sah Wulfila seine Lebensaufgabe darin, den Glauben seiner Grosseltern und Mutter auch unter seinen Landsleuten zu verbreiten.

Missionar unter Goten
Wulfila predigte in griechischer, lateinischer und gotischer Sprache. Er verfasste zahlreiche theologische Stellungnahmen, Predigten und Auslegungen. Aufgrund seiner hervorragenden Sprachkenntnisse und seines Glaubens genoss er ein hohes Ansehen. Wulfila wurde an den Hof von Kaiser Konstantin geschickt (337) und zum Bischof der in Gothien lebenden Christen geweiht. Im Jahr 344 kam es zu einer grösseren Christenverfolgung. Trotz Drohungen blieben die meisten Christen standhaft. Andere flohen auf römisches Staatsgebiet. Kaiser Konstantin wies ihnen ein Siedlungsgebiet südlich der Donau zu. Später bildeten die Christen um Wulfila einen eigenen Volksstamm, die Kleingoten. Wulfila war nicht nur ein religiöses Oberhaupt, sondern auch ein politischer Führer. Er erfand die gotischen Buchstaben und formte die gotische Sprache.

Die erste deutsche Bibel
Voraussetzung für die bedeutenden missionarischen Anstrengungen der Kleingoten war Wulfilas gotische Bibel, die erste Übersetzung in eine germanische Sprache. Mit der Bibel entwickelte Wulfila die gotische Schrift. Einiges deutet darauf hin, dass Wulfila das Alte Testament nicht vollständig übersetzt hatte. Insbesondere die kriegerischen Abschnitte aus den Könige-Büchern wollt er den kämpferischen Goten erst einmal vorenthalten, um ihre Gewaltbereitschaft nicht zusätzlich anzustacheln.
Ein paar Beispiel seiner Übersetzungsarbeit: Das griechische Wort «Soter» (Heiland) übersetzte er mit «der zur Genesung führende, der Heilende, der Helfende». Den biblischen Begriff «Agape» übersetzte er mit «Freundschaft». Viele Stellen, die die Gemeinde betrifft, übersetzte er mit «Sippe».

Wulfilas Einfluss
Die Behandlung gotischer Christen war abhängig von den politischen Einflüssen. Wulfila setzte sich am Kaiserhof für ihre Aufnahme ein. Er bildete Lehrer aus, die den Westgoten den christlichen Glauben nahebringen sollten. Nach und nach kamen auch die anderen germanischen Stämme mit dem Evangelium in Kontakt: Westgoten, Langobarden, Burgunder, Bayern und Sachsen. Trotzdem zogen um das Jahr 400 die germanischen Vandalen durch Süddeutschland und Frankreich nach Spanien und schliesslich nach Nordafrika. Viele Römer waren vollkommen verblüfft, weil die gegen sie kämpfenden Soldaten der Vandalen Bibeln bei sich trugen und mit den Eroberten über theologische Fragen debattierten.

Streit um die Trinität
Die grosse theologische Frage jener Zeite war das Verhältnis zwischen Gottvater und Jesus Christus. Auf dem Konzil von Nicäa (325) hatte sich die Mehrheit der anwesenden Theologen auf die Formulierung geeinigt, Vater und Sohn seien wesenseins (d.h. die gleichen Merkmale: ewig, unsterblich, wahrer Gott). Anlässlich dieser Auseinandersetzungen ging Wulfila nach Konstantinopel, um seine Bedenken vorzubringen. Er brachte noch einmal sein Glaubensbekenntnis zu Papier, um die Unterschiede zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist nicht zu verwischen. Wulfila starb im Jahr 383 kurz nach diesen theologischen Auseinandersetzungen in Konstantinopel. Seit 1842 erinnert in Regensburg eine Gedenktafel an den ersten germanischen Bibelübersetzer.

Das Leben und Denken Wulfilas wurde von verschiedenen Zeitgenossen überliefert.

Thesen zum Weiterdenken:
- Um das Evangelium in einer anderen Kultur heimisch zu machen, braucht es die Bibel in der entsprechenden Sprache. -> Ist die Bibel in unserer Kultur noch heimisch? Wird sie noch gelesen?
- Die äusseren Formen, in denen der christliche Glaube ausgedrückt und ausgelebt wird, unterscheiden sich von Volk zu Volk. -> Welche Ausdrucksweisen pflegen wir?


Wir sind gerne bereit für Seelsorgegespräche. Melden Sie sich bei Pfarrer Alexander Lücke
oder Sozialdiakon Markus Zogg.
Bereitgestellt: 10.09.2026     Besuche: 3 heute