Markus Rosenfelder

Impulse für den Glauben - achter Teil - I

Gebet Bruder Klaus. (Foto: Markus Zogg)

Wir werfen einen Blick ins Leben von Niklaus von der Flüe. In der Kategorie der „Heiligen“ hat er für die Schweiz die wichtigste Bedeutung. Er steht als Symbol für Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung. Ein Thema, das die ganze Welt umtreibt. Und auch in unserem Leben und in unseren Beziehungen nichts an Aktualität verloren hat.
Unter anderem wird folgende Literatur bei der Erarbeitung der „Impulse für den Glauben“ beigezogen:
- Die Sehnsucht nach dem «einig Wesen», Roland Gröbli, Rex-Verlag, Luzern
- Mystiker, Mittler, Mensch: 600 Jahre Niklaus von Flüe 1417-1487, Theologischer Verlag Zürich

Einleitende Worte

Niklaus von Flüe lebte in der Zeit des 15. Jahrhundert, ziemlich genau in der geografischen Mitte der heutigen Schweiz. Dieser Zeitraum war geprägt von tiefgreifenden Veränderungen. Die eidgenössischen Stände (Kantone) versuchten mit geplanten Aufständen und Ausbruchsversuchen je einzeln nach allen Seiten zu expandieren (Alpwirtschaftsgebiete etc.). Es herrschte insgesamt ein für uns verwirrendes Neben- und Übereinander von Rechten und Pflichten, Herrschaften, Bündnisse und Freiheiten. Der einzelne Mensch verstand sich (noch) nicht primär als Individuum, sondern als Teil der (Gross-) Familie und Kirchgenossenschaft. Sie boten dem Einzelnen das notwendige Fundament, um in einer gefahrenvoll Welt Schutz und Geborgenheit zu erfahren. Nach demselben Prinzip gestalteten sich die übergeordneten regionalen und überregionalen Bündnisse. Später begann die Epoche der „Entdeckung des Ich“, hin zum Individuum und weg von der Gemeinschaft. Auch weltweit gesehen gab es im 15. Jahrhundert einschneidende Veränderungen. Im Jahr 1453 wurde Konstantinopel von den Osmanen erobert und löste viel Unsicherheit aus. Ebenfalls im 15. Jahrhundert begann das Zeitalter der Entdeckungen, z.B. die „europäische Expansion“ nach Übersee mit der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492.

Die Familie von Niklaus von Flüe gehörte zu den Glücklichen. Sie waren grundbesitzende Bauern. Über seine Jugend ist wenig bekannt. Von seinem Umfeld wird übereinstimmend berichtet, dass er nicht aus der Ruhe zu bringen war, eher bedächtig und zurückhaltend war. Etwa 29-jährig heiratete er die 15 Jahre jüngere Dorothee Wyss. Mit ihr zusammen hatte er 10 Kinder. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Bauer auf dem geerbten Hof, als Offizier im Alten Zürichkrieg, als kantonale Ratsherr und Gemeinderichter. Und dies, obwohl er weder schreiben noch lesen konnte.

Er war der Vertrauensmann der Kirchgenossen in Sachseln und gehörte den „Landvorgesetzten“ an, dem höchsten politischen und richterlichen Führungszirkel des Standes Obwalden. Eine Kandidatur für das Amt des Landammanns, der höchsten Würde, lehnte er aber ab.

1465 legte Niklaus von Flüe alle politischen Ämter nieder. Er konnte den langandauernden Konflikt zwischen dem erfolgreichen äusseren Lebensweg als Ehemann, Vater, Bauer und Ratsherr und dem inneren Lebensweg als Gottsucher, Fastender und Beter nicht mehr aushalten. Die nächsten zwei Jahre waren gemäss seinen eigenen Aussagen geprägt von Depressionen, Zweifeln und Phasen der Niedergeschlagenheit. Er suchte den Rat seines priesterlichen Freundes, der ihm zu regelmässigen Betrachtungsübungen riet.

Im Jahr 1467 verliess Niklaus von Flüe mit dem Einverständnis seiner Frau schweren Herzens seine Familie, in der Absicht als Pilger unterwegs zu sein und Ordnung für sein Leben zu finden. Er durchlebte eine existentielle Krise, die ihren Höhepunkt im Baselbiet erlangte, wo er durch eine nächtliche Erscheinung zur Umkehr bewogen war, und ab diesem Zeitpunkt nichts mehr ass und trank. Von dort zog er wieder zurück auf das Flüeli und übernachtete im Stall bei den Kühen. Niemand wusste davon, bis Jäger zufällig auf ihn stiessen. Nach Gespräch mit seinem Beichtvater, der den verunsicherten und zutiefst erschrockenen Mann beruhigen konnte, lies sich Niklaus von Flüe, geleitet von Visionen, im Ranft nieder, nur wenige 100 Meter von seinem Wohnhaus entfernt.

Das schönste und menschlich berührendste Zeitzeugnis über Niklaus von Flüe verdanken wir einem Kaufmann aus Halle (Sachsen-Anhalt), der auf der Heimreise von der Wallfahrt nach Santiago de Compostela (Spanien) Niklaus von Flüe im Ranft aufsuchte. Er berichtete von einem bescheidenen, angenehmen und interessierten Zeit- und Altersgenossen, den er – trotz dem Wissen um die langjährige Abstinenz – als völlig normalen Menschen kennen lernte und der höchst genügsam lebte und jedes Aufheben um seine Person ihm fremd war.

Die Klause von Niklaus von Flüe bestand aus zwei Zimmern, die an die Kapelle angebaut waren. Im unteren Zimmer verfügte er über einen kleinen Ofen, doch konnte er, der 178 cm gross war, dort nicht aufrecht stehen. Im oberen Zimmer gab es je ein Fenster zur Kapelle und ins Freie.

Einen Grossteil des Tages widmete Bruder Klaus, wie er sich nun nannte, der Betrachtung und dem Gebet. Mehr und mehr wurde er als Ratgeber und zunehmend als spirituelles Vorbild bekannt und gesucht.

Viele Menschen waren und sind gegenüber seiner Abstinenz von Speise und Trank skeptisch. Naturwissenschaftlich ist dieses Phänomen nicht erklärbar. Historisch-kritisch wird es als glaubwürdig betrachtet.

Am 21. März 1487 starb Bruder Klaus nach hartem Todeskampf auf dem Boden seiner Zelle.


Wir sind gerne bereit für Seelsorgegespräche. Melden Sie sich bei Pfarrer Alexander Lücke
oder Sozialdiakon Markus Zogg.
Bereitgestellt: 09.01.2025