Impulse für den Glauben - siebter Teil - IV
In unserer neuen Serie „Impulse für den Glauben“ besprechen wir das Buch von Timothy Keller:
„GLAUBEN WOZU?“ - Religion im Zeitalter der Skepsis.
Brunnen Verlag, Giessen
Wozu Religion?
Beruht Religion nicht auf Glauben und säkulares Denken auf Wissen? (2)
Michael Polanyi (1891-1976), ein ungarisch-britischer Chemiker und Philosoph, ist der Meinung, dass selbst skeptischer Zweifel immer auch ein Element von Glauben enthält. Man könne Glaube A nicht anzweifeln, ohne dafür irgendetwas anderes (Glaube B) in dem Moment für richtiger zu halten. An etwas glauben zu können setze voraus, dass man sich damit auseinandersetze, es an sich heranlasse und eventuell sogar seine eigenen Annahmen und Vorurteile hinter sich lasse. Es gehe darum, dass Glaube und Denken in der Balance stünden. Der Glaube solle nicht allein auf Gefühlen und Impulsen beruhen. Für das, was wir glauben würden, sollten wir so viele gute Gründe wie möglich haben. Erkenntnis habe immer eine objektive und eine subjektive Seite.
In der Zeit der Aufklärung (u.a. René Decartes) weigerte man sich, das Subjektive überhaupt als Erkenntnis anzusehen. Die Meinung einer einzelnen Person galt nicht als Gradmesser. Im 20. Jahrhundert haben Denker wie der französische Philosoph Michel Foucault die Objektivität völlig abgelehnt. Man durfte sich keiner Sache wirklich sicher sein. In diesem Zusammenhang ist der Ansatz von Polanyi vernünftig. Er ist überzeugt, dass beide Standpunkte als solche unmöglich durchzuhalten seien. Wer nur mit der Objektivität argumentiere, könne viele Werte nicht erklären, von denen man unweigerlich wisse, auch wenn sie nicht bewiesen werden könnten. Wer hingegen nur mit der Subjektivität argumentiere, liefere seine eigenen Thesen der Bedeutungslosigkeit und Widersprüchlichkeit aus. Woher würde man die Sicherheit nehmen, dass niemand das Recht habe, sich in einer Sache sicher zu sein?
Gläubige Christen setzen genauso ihren Verstand und ihren Glauben ein wie Humanisten oder selbsternannte Atheisten, um zu ihren Überzeugungen zu kommen. Jeder sieht die gleiche Wirklichkeit in der Natur und im Leben der Menschen. Der heutige Säkularismus kann von sich nicht behaupten, keine Glaubensüberzeugungen zu haben. Es ist nicht alles wissenschaftlich begründet. Vieles ist unklar und beruht auf Glauben. Säkularismus ist auch darum bemüht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dabei sollen Menschenrechte, Gleichheit, Freiheit, Wissenschaft, Vernunft und das Gute im Menschen ohne Religion erreicht werden können. Doch woher kommen überhaupt diese Werte? Und weshalb verhalten sich so viele Gut-Menschen in vielerlei Hinsicht trotzdem egoistisch? Wie geht der Glaube an individuelle Freiheit, Menschenrechte und gleiche Würde mit der Idee zusammen, dass die Menschheit, wie sie heute ist, durch das Konzept «Der Stärkere überlebt» entstanden ist? Das passt wirklich nicht zusammen! Weshalb ist der christliche Glaube im Römischen Reich gewachsen und hat die klassische griechisch-römische Kultur und das heidnische Denken im Westen verdrängt? Das Christentum verbreitete Ideen, die viele moderne ethische Systeme für ihre eigenen Zwecke übernahmen, z.B. die Gleichwertigkeit. Das Christentum lieferte auch die Mittel für ein Verständnis «natürlicher» Menschenrechte. Es brachte zudem eine positive Sicht des Leibes und der Gefühle. Es ging darum, worauf man sein Herz richtet – auf Gott und seinen Nächsten, egal, wer er ist. Und nicht mehr um Macht und Wohlstand für sich und seine Sippe! Zum ersten Mal war das oberste Lebensziel nicht Selbstbeherrschung und Rationalität, sondern Liebe. Das vorige Denken, dass der Leib schlecht und die Seele gut ist, also die Gefühle, die im Körper wohnen, schlecht und der Verstand gut, veränderte sich mit dem Christentum. Diese neue Sichtweise von der Bedeutung des Leibes und der materiellen Welt legte den Grundstein für das Aufkommen moderner Wissenschaft. Das Christentum brachte eine allgemeine Vorstellung von der Bedeutung des Einzelnen mit sich. Das Elitedenken in der Antike (für die Griechen hatte «Erlösung» mit philosophischer Besinnung zu tun, was nur Menschen mit Bildung und freier Zeit möglich war) wurde vom Christentum zurückgedrängt. Für Christen kam das Heil durch den vertrauenden Glauben, dass Jesus für sie das getan hatte, was sie nicht tun konnten.
Somit kann gesagt werden, dass sich der christliche Glaube viel stärker für Gleichheit eingesetzt hatte als andere Denkrichtungen in der Antike.
Fragen zum Nachdenken
- Welcher Widerspruch ist in den verschiedenen Ansichten zu erkennen, die versuchen eine gute Menschheit ohne Religion zu kreieren?
- Welchen Unterschied können wir Christen mit unserem Glauben in dieser Welt machen?
- Wie stark ist das Elite-Denken in unseren Breitengraden verbreitet? Und wie steht es um das Thema der Gleichheit?
Wir sind gerne bereit für Seelsorgegespräche. Melden Sie sich bei Pfarrer Alexander Lücke
oder Sozialdiakon Markus Zogg.