Die Vertrautheit mit dem Holz
Bis jetzt haben wir einiges erfahren über die Suche nach den guten Bäumen, über das Leben des Baumes und zuletzt über die Klangfarben.
Der schönste Arbeitsschritt im Geigenbau folgt jetzt: Aus dem Klangholz wird die Wölbung herausgearbeitet. Es kommt zu einer Vertrautheit mit dem Holz. Entscheidend dabei ist, den Verlauf der Fasern nicht zu missachten. Das würde bedeuten, den Klang der Geige zu verderben. Das Instrument bekommt seine klangliche Handschrift, indem der Künstler dem Holz in der rechten Weise dient und ihm gerecht wird.
Der italienische Grossmeister Antonio Stradivari hat dieses Handwerk Anfang des 18. Jahrhunderts während der goldenen Periode seiner Schaffenszeit wie kein anderer beherrscht. Auf seinen Geigen kommen zwei Dinge zusammen, die sonst selten gleichzeitig geschehen: Der Klang ist sanft und zugleich kräftig. Stradivari blieb seiner Handschrift treu. Mit seinen unverkennbaren Werken ermöglicht er den Musikern ein befreites, erfüllendes und angstfreies Spielen.
Eine Geige zu bauen ist ein Schöpfungsakt. Der Meister wird dem Holz gerecht und fragt sich: Wie ist das Holz geworden? Und was kann aus ihm nun werden? Das Werk entwickelt sich. Der Geigenbauer Martin Schleske sagt: «Das Sein steht unter der Schönheit und den Schmerzen des Werdens… Alles Werdende entsteht in der Achtung gegenüber dem Gewordenen und im Wechselspiel mit dem Gewachsenen.» Das Entscheidende im Leben ist nicht, was geworden ist, sondern was wir aus dem bereits Gewordenen machen.
Wenn schon der Geigenbauer die Liebe hat, mit der gewachsenen Faser zu arbeiten, und entschlossen ist, mit dem gewordenen und manchmal auch schwierigen Holz das Werk zu beginnen, um wie viel mehr wird Gott es tun! Die Weisheit Gottes erkennt, was nötig ist, damit angesichts unserer Zeichnung und Jahre, angesichts unseres Faserverlaufs und unserer schwierigen Geschichte ein guter Klang gebildet werden kann. Trotz unserer Fehler, trotz der Sperrigkeit, trotz unseres eigentümlichen Charakters kann Gott unser «Holz» zum Klingen bringen!
Fragen zur Reflektion:
- Wie hat sich mein Leben bis zum heutigen Tag entwickelt? Was ist gewachsen?
- Bin ich versöhnt mit meiner Vergangenheit, mit dem Gewordenen?
- In welchen Lebensbereichen gibt es Entwicklungspotential?
- Bin ich vertraut mit der «Handschrift Gottes» in meinem Leben? Wo sehe ich Gottes Einwirken?
Impulse für den Glauben - zweiter Teil - XIX
Die „Impulse für den Glauben“ erscheinen wöchentlich am Donnerstag.
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oder Sozialdiakon Markus Zogg.