Markus Rosenfelder

Impulse für den Glauben - zweiter Teil - VI

Als Grundlage dient das Buch von Martin Schleske:
«DER KLANG: Vom unerhörten Sinn des Lebens»
Leben schaffende Gegensätze

Ein Gleichnis der Botanik des Baumes:
Während sich die Wurzeln tief in die Erde bohren, strecken sich die Blätter aus nach dem Licht. Beide brauchen einander. Die Wurzeln bedürfen der Ernährung durch die Blätter. Wollten die Wurzeln das Wasser für sich behalten, ohne es weiterzugeben, so wäre das der Tod der Blätter. Wollten umgekehrt die Blätter das Licht für sich behalten, ohne es weiterzugeben, so wäre das der Tod der Wurzeln. Wasser und Licht sind in der Bibel starke Bilder für die Gegenwart des Heiligen. Was sie verbindet, ist, dass sie gerade in der Gegensätzlichkeit voneinander und füreinander leben.
Für uns Menschen gilt: in unserer Unterschiedlichkeit leben wir nicht tolerant nebeneinander, sondern selbstbewusst füreinander. Wahre Gemeinschaft beruht nicht darauf, dass wir einander verstehen, sondern darauf, dass wir einander vertrauen. Dass unser Vertrauen auch schmerzhaft enttäuscht werden kann, nötigt unserem Miteinander manches ab. Jesus sagt: «Wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei» (Mt. 5,41). Oft müssen wir durch Enttäuschungen hindurch derartige Umwege gehen, um den anderen nicht aufzugeben. Wir sind einer für den anderen da.
Die Berufung des Menschen hat in der Bibel mit der Berufung und dem Werden von Gemeinschaften und Beziehungen zu tun, in denen wir leben. Wer nur nach seiner eigenen Bedeutung fragt, der wird sie, je inbrünstiger er sucht, desto endgültiger verlieren; wer nur seine eigene Vollkommenheit und seine individuellen Gottesbegegnungen sucht, dem wir sich der Weg dorthin verdunkeln.
Der Glaube ist vor allem die Berufung, Gott und dem Nächsten ein Du zu sein.
Nicht nur Freunde, sondern auch ganze Gemeinschaften und Konfessionen sollen einander in ihrer Verschiedenartigkeit zu Wurzeln und Blättern werden und so ein sichtbares Zeugnis für jene gelebte «Freundlichkeit» sein. Wir werden Christus in dem Masse erkennen, in dem wir ihn im Bruder und in der Schwester achten. Wir leben inmitten dieser Bewegung der gegenseitigen Wahrnehmung und Achtung.

Fragen zur Reflektion:
  • Wie nehme ich mich wahr (Selbstwahrnehmung)? Und wie nehmen andere mich wahr (Fremdwahrnehmung)? Stimmen beide Sichtweisen miteinander überein?
  • Wann habe ich das letzte Mal den Grundsatz Jesu von der zusätzlichen Meile praktiziert?
  • «Gegensätze ziehen sich an.» Ist diese Weisheit auch in meinem Leben erfahrbar? In welchen Beziehungen?
  • Wo sind diese «Leben schaffenden Gegensätze» in unserer Kirchgemeinde sichtbar? Wo muss ich eine zusätzliche Meile mit jemandem gehen?

Impulse für den Glauben - zweiter Teil - VI

Die „Impulse für den Glauben“ erscheinen wöchentlich am Donnerstag.

Wir sind gerne bereit für Seelsorgegespräche. Melden Sie sich bei Pfarrer Alexander Lücke
oder Sozialdiakon Markus Zogg.

Bereitgestellt: 15.12.2022