Gottesdienst aus der Reformierten Kirche Brunnen mit Samuel Wagner

Jesaja, Marc Chagall <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;P.D.)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-brunnen-schwyz.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>60</div><div class='bid' style='display:none;'>6191</div><div class='usr' style='display:none;'>34</div>
Gottesdienst aus der Reformierten Kirche Brunnen mit Samuel Wagner
So. 24.01.2021, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ref. Kirche Brunnen, Alte Kantonsstrasse 8, 6440 Brunnen
Predigttext: Jesaja 6. 1-13
Musik: Lukas Albrecht
Mitwirkung: Regula Limacher und Ylyas Ipic (Livestreaming)
Kollekte: CongoSolidar: CH25 0900 0000 8523 5926 0


Sind die Worte der Schriftpropheten noch immer relevant oder einfach absurd: Stecken die Geschichten der Propheten- und Exilszeit vielleicht sogar voller Humor? Und wie kommt man sich selber und vielleicht auch Gott in einer schwierigen Zeit bei?

Seht mein Knecht, mein Auserwählter, an dem ich Wohlgefallen habe. Jesaja 42,1
Im Namen des dreieinigen Gottes. Vater, Sohn und Heiliger Geist!


Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst am letzten Sonntag der Epiphanias-Zeit.

Die Epi-phan-ie, was für ein komisches Wort!, es ist ja wirklich «funn-y». Diesen Tag, wir kennen ihn «volks-d-ümmlich», äh volks-t-ümlich als Dreikönigstag.
Wir feiern an diesen Sonntagen: Gott ist erscheinen als Kind in der Krippe neben Ochs und Esel. Und wenn man Lukas liest, erfahrt man, dass es sich dabei nur um Maria und Josef gehandelt haben kann... andere Figuren (Klammer auf «Tiere» Klammer wieder zu) werden ja gar nicht erwähnt in diesem Evangelium.
Oder vielleicht sind sie auch im 3. oder 4. Jahrhundert in die christliche Krippenvorstellung eingeführt worden, sinnbildlich für mich, einer der mampfend daneben steht, nicht begreift oder störrisch wie ein Esel ist (was dem armen Esel aber ziemlich Unrecht tut).
Es geht um ein «Aha-Erlebnis».
Darum bringt Johannes die Geschichte von Gottes Menschwerdung nur kurz:
Das Wort wurde Fleisch! Und ja, das Schweizer Fleisch weiss, das ist mehr als nur Beilage, es ist das Hauptgericht!
Feiern wir also auch nachweihnächtlich die Fleischeslust.
Wir brauchen Worte (gerade aus der Bibel), welche uns auf andere Gedanken und zum Lachen bringen und vielleicht auch manchmal solche bei denen uns das Lachen im Hals stecken bleibt.
An einer Weiterbildung ist uns ein Comicbild des kleinen, «bluten» Jesus im Wasser am Strand des Sees Genezareth gezeigt worden. Ein anderes Kind macht ihm eine lange Nase. Der kleine Jesus mit Heiligenschein brüllt aus vollem Leib:
«Mama, Mama, ich will au ins Wassa.»
Man sieht ihn, wie er tobt und auf dem Wasser läuft. Er kann nicht wie die andern Kinder schwimmen.
Schon der ganz kleine Jesus ist auch ein Mensch, mit Frustgefühlen, wie wir sie alle kennen. Nur das «mit-auf-dem-Wasser-laufen», habe ich noch nicht begriffen.
Aber gleichzeitig ist er ja auch Gottes Sohn, das erzählt mir dieses Bild voller Humor.
Wir brauchen Humor und richtig gute Geschichten, um leben zu können. Das erste ist nicht unbedingt eine Spezialität der Kirche, das zweite aber schon... Wenn wir es also kombinieren...
Was steckt zum Beispiel hinter den Prophetenworten Jesajas, die wir zu Beginn gehört haben? Seht mein Knecht, mein Auserwählter, an dem ich Wohlgefallen habe.
Welche Geschichte steckt hinter der Figur Jesaja: Können wir auch wenig Humor entdecken? Nicht nur das versuchen wir heute in dieser Feier zu finden.

Lesung: Jesaja 6. 1-31 (Im Wechsel mit dem Lied: Ich steh an deiner Krippe hier RG 402)

1 Im Todesjahr des Königs Ussijahu sah ich den Herrn auf einem Thron sitzen, hoch und erhaben, und der Saum seines Gewandes füllte den Tempel.
2 Über ihm standen Serafim; sechs Flügel hatte ein jeder, mit zweien hielt ein jeder sein Angesicht bedeckt, mit zweien hielt ein jeder seine Füsse bedeckt, und mit zweien hielt ein jeder sich in der Luft.
3 Und unablässig rief der eine dem anderen zu und sprach:
Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen!
Die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit.
4 Und von der Stimme dessen, der rief, erzitterten die Türzapfen in den Schwellen, und das Haus füllte sich mit Rauch.
5 Da sprach ich: Wehe mir, ich bin verloren! Denn ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen, und ich wohne in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den HERRN der Heerscharen gesehen!
6 Da flog einer der Serafim zu mir, eine glühende Kohle in seiner Hand, die er mit einer Dochtschere vom Altar genommen hatte.
7 Und die liess er meinen Mund berühren, und er sprach: Sieh, hat das deine Lippen berührt, so verschwindet deine Schuld, und deine Sünde wird gesühnt.
8 Und ich hörte die Stimme des Herrn sagen: Wen werde ich senden? Und wer von uns wird gehen? Da sprach ich: Hier bin ich, sende mich!
9 Und er sprach: Geh, und sprich zu diesem Volk: 9 Hören sollt ihr, immerzu hören, begreifen aber sollt ihr nicht! Und sehen sollt ihr, immerzu sehen, verstehen aber sollt ihr nicht!
10 Mach das Herz dieses Volks träge, mach seine Ohren schwer, und verklebe seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört und damit sein Herz nicht begreift und damit es nicht umkehrt und sich Heilung verschafft.
11 Da sprach ich: Herr, bis wann? Und er sprach: Bis die Städte verödet sind und niemand mehr in ihnen wohnt und die Häuser menschenleer sind und der Boden völlig verwüstet wird.
12 Und der HERR wird die Menschen weit fortführen, und die Einsamkeit wird gross sein im Herzen des Landes.
13 Und ist noch ein Zehntel darin, so soll es noch einmal kahl gefressen werden, wie es bei der Terebinthe und wie es bei der Eiche ist, von denen beim Fällen etwas stehen bleibt. Ein heiliger Same ist, was von ihm stehen bleibt.

Predigt
Über Weihnacht-Neujahr habe ich mich mit ziemlich schrägen «Vögeln» beschäftigt: Den ziemlich wenig bekannten Schriftpropheten.
Ich bin hin- und hergerissen gewesen, wie ich über sie denken soll.
Einerseits sind sie total fremd und sperrig. Gibt es in ihren Büchern anderseits auch eine Art Humor? Von Letzterem bin ich überzeugt.
Beispiele gefällig? Gott fordert den Prophet Hosea auf (auf gut Deutsch «dr Gotthelf») eine Prostituierte – mit dem Namen Gomer – zu heiraten. Sie zeugen drei Kinder.
Sie heissen Jesreel, Lo-ruch-ama und Lo-ammi.
Diese Namen die klingen wie ein Zauberspruch bedeuten «Gott sät», «Die-kein-Erbarmen-findet» und «Nicht-mein-Volk».
Der Prophet bringt damit zum Ausdruck, dass das Land Israel mit den Baalsgöttern fremdgegangen ist. Es ist eine Generation entstanden, welche nicht mehr auf Gott vertraut.
Ein anderes Bespiel vom bedeutendsten aller Schriftpropheten: Jesaja.
Während dreier Jahre macht der gebildete, intellektuelle Mann in Jerusalem eine Nacktdemo.
Ob mit oder ohne Einverständnis seiner Frau, die auch Prophetin gewesen ist, wissen wir nicht. Und wie heissen ihre beiden Kinder?
Schear-Jaschub und Maher-Schalal-hasch-bas: Die klangvollen Namen bedeuten «Ein-Rest-kehrt-um» und «Eilebeute-Raubebald».
Der erste Sohn steht für die Menschen, welche zu JAHWE zurückkehren und gemäss der Thora handeln: «Ein-Rest-kehrt-um». Der zweite steht für Menschen, welche das Recht missachten und zur Strafe alles verlieren: «Eile-Beute-Raubebald».
Die eigene Familie als Beispiel, als Realsatire...
Diese Propheten und übrigens gibt es auch viele Prophetinnen deuten ihre Zeit, welche sich vom 8. Jahrhundert bis zum 3./4 Jahrhundert vor Christus erstreckt.
Es geht um die Geschichte eines kleinen, ohnmächtigen Volkes eingeklemmt zwischen den sich der Reihe nach abwechselnden Supermächten Ägypten, Assyrien, Babylon und Persien.
Diese Weltreiche und Hochkulturen sind existenzbedrohend. Die Gefahr wird real: 722 vor Christus überrollt das assyrische Weltreich das Nordreich Israel und seine Hauptstadt Samaria.
Propheten wie Hosea im Norden und Jesaja im Süden warnen schon lange.
Im Jahr 586/587 sind es dann die Babylonier welche die Hauptstadt Jerusalem einnehmen, den Tempel zerstören und die Oberschicht, die ganze Elite, deportieren.
Diese Verschleppungen werden als Strafe Gottes gesehen. Die Zerstörung des Tempels bedeutet nicht nur dass Gott verloren hat, sondern dass Gott vielleicht sogar tot ist. Gestorben.
Im und während der Rückkehr aus dem Exil werden die eigenen Geschichten neu entdeckt und aufgeschrieben.
Hintergrund der Rückkehr ist das sogenannte Kyros-Edikt. Kaiser Kyros von Persien hat die Babylonier besiegt und erlaubt nach Jerusalem zurückzukehren. Der Tempel kann wiederaufgebaut werden.
Im babylonischen Exil wird insbesondere der Auszug aus Ägypten (der Exodus) zur entscheidenden Befreiungsgeschichte. Es ist die(!) vorauslaufende Parallelerfahrung zum Exil.
Die mehrheitlich mündlich erzählten Geschichten werden aufgeschrieben und für die Nachwelt erhalten.
Die eigene Geschichten und Gottesvorstellungen können durch keine Macht dieser Welt zerstört werden.
Die Reflexion führt zum Anfang des Buches der Bücher.
Die Erfahrung des Fremdseins, das erleben der eigenen Ohnmächtigkeit wird zur Geburtsstunde der Vorstellung, dass Gott im Wort und Geist präsent ist. Das Gott nicht aus mehreren Gottheiten besteht, sondern einzigartig ist.
Die Exilserfahrung ist der Anfang vom Glauben an einen Gott. Wir verdanken ihn einem kleinen, eigentlich völlig unbedeutenden Wüstenvolk. Wir lesen bis heute nicht die heiligen Schriften und Geschichten und von den damaligen Gottheiten in Mesopotamien oder Ägypten.
Wir lesen, glauben und zweifeln bist heute mit den Geschichten JAHWES.
Hat dieser Gott gesiegt?
Sein Name welcher eigentlich nicht ausgesprochen und der Gott, welcher nicht bebildert werden darf und trotzdem in so vielen Bildern der Bibel besungen und angebetet wird.
Dieser Gott der in der Berufungsvision von Jesaja (der heutigen Lesung), so unglaublich heilig auf seinem Thron regiert, unantastbar und umgeben von Cherubim und Seraphen.
Er greift jetzt halt doch machtvoll und lenkend in die Welt ein. Er setzt sich halt immer durch!
Aber halt: Jesaja beschreibt an einigen Stellen ein ganz anderes Bild: Den Gottesknecht. Einen leidenden Mensch und machtlosen Diener.
Ich stelle mir einen Bauernknecht von früher vielleicht aus Gotthelfs Zeiten vor mit Mistgabel und güllenverspritzten Stiefeln. Einer der nach Stall und Vieh stinkt.
Das Lachen kann mir einfach nicht verkneifen, wenn ich an diesen Kontrast von Palast und Stall denke.
Der rätselhafte Gottesknecht des Jesaja wird oft mit dem leidenden Volk Israel identifiziert, manchmal auch mit dem Propheten selber.
Oder und das ist auch für mich sehr plausibel mit dem Messias, wie es das Christentum sieht. Der Gottesknecht als das Kind in der Krippe und auch als der Gekreuzigte.
Da taucht sie also wieder auf diese Geschichte vom Tod Gottes. Die Frage: Ist Gott gestorben... dieser Allmächtige kann sogar sterben?
Diese Frage und ja auch dieser Widerspruch von Allmacht und Ohnmacht hält die Bibel im AT und NT aus. Das erzeugt ein Kontrast und in mir eine Lust nach Humor, bei dem sich das Leiden und das Lachen umarmen.

Davon zeugt auch der bekannte jiddischen Humor. Einen Witz dazu habe ich gegoogelt. Es wird kurz eingeleitet:
Es gibt kein Aufgeben, keinen Grund, nicht doch das letzte Wort zu haben. Vielleicht liegt darin jüdischer Stolz begründet, so wie er sich im Witz in der Ausweglosigkeit zeigt.

Frankreich ist von den Nazis erobert worden. Ein alter Jude geht in eine Pariser Reiseagentur, weil er auf eines der letzten großen Schiffe möchte, die von Le Havre auslaufen:
"Wohin wollen Sie denn reisen", fragt ihn die Angestellte. "Wohin? Ich weiß nicht...Hätten Sie vielleicht eine Weltkarte, Mademoiselle?" – "Aber sicher, bitte schön."
Der Mann dreht die Karte hin und her, schaut sich Länder und Kontinente an, schüttelt immer wieder den Kopf. Am Ende blickt er auf und fragt mit einem Seufzer: "Und Sie hätten nicht zufällig noch eine andere da, Mademoiselle?"

Die Welt ist nicht genug. Sie kann einfach nicht genug und nicht alles sein. Es muss noch mehr geben: Die Menschlichkeit verlangt nach Geschichten, die noch nicht erzählt und aufgeschrieben worden sind.
Wir brauchen neue und alte Geschichten. Gespickt mit Leiderfahrung und Humor. Das bieten uns einerseits die Schriftpropheten auf einem reich gedeckten, grossen Bücherbuffet an.
Gerade in Krisenzeiten macht man sich auf die Suche nach dem Sinn, nach dem Woher, Warum und Wohin?
Wenn man nicht untergehen will, muss man sich ständig auf das Neue und Ungewisse anpassen. Es braucht wahre Geschichten, welche den Geist der Freiheit und der Barmherzigkeit atmen.
Aber es gibt auch andere, weil das Leben oft anders ist. Nicht schön, nicht lustig, sondern grausam. Gerade dem Judentum ist es gelungen Geschichten in der Fremde und als Fremde zu erzählen, vom Gott der anders ist, neu zudenken, in denen sich Gott zeigt:
Theophanie. Gott offenbart sich im Wort – in Geschichten, im Nachdenken, im Geist.
Das bringt gerade das Buch Jesaja deutlich zum Ausdruck. Dazu mehr im Gottesdienst in einer Woche.
Und auch wir können die Bibel neu entdecken, ihren Humor und ihre Hoffnung, über ihre Geschichten und Figuren zu lachen, staunen und lernen. In ihren Stories uns selber und Gott finden.
Wem überlassen wir es also, die neuen Geschichten zu erzählen oder geben wir die Deutung der alten – biblischen Geschichten – und die unserer Zeit einfach so auf oder geben sie preis?
Und sind das nicht eigentlich Gottes «Ufzgi» an uns seine und unsere Geschichten zu erzählen? Voller Leben, ein bisschen frech und mit mehr als nur einem Schuss Humor.
Ich halt es da besonders gerne mit einem Schweizer Schriftprophet, einem Pfarrersohn aus dem Emmental, er wäre am Tag vor Epiphanias 100 Jahre alt geworden. Friedrich Dürrenmatt hat gesagt:
Uns kommt man nur noch mit der Komödie bei.
Lassen wir seine Worte gelten und entdecken wir alte und neuen Geschichten. Wir brauchen sie ganz notwendend! Amen.




Kontakt: Samuel Wagner
 
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