Gottesdienst: "So ist mein Wort"

2020-01-31 Gottesdienst Brunnen <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Samuel&nbsp;Wagner)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-brunnen-schwyz.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>60</div><div class='bid' style='display:none;'>6193</div><div class='usr' style='display:none;'>34</div>
Gottesdienst: "So ist mein Wort"
So. 31.01.2021, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ref. Kirche Brunnen, Alte Kantonsstrasse 8, 6440 Brunnen
Predigttext: Jesja 55. 10-13
Musik: Lukas Albrecht
Mitwirkung: Livestreaming: Regula Limacher, Ilyas Ipic
Kollekte: Kooperative Costa Brava: Grit und Thomas Borter
Der Sozialdiakon Samuel Wagner ringt in diesem Gottesdienst um ehrliche Worte. Solche die trösten und solche die mahnen.
Fündig wurde er wiederum im Jesajabuch. Dieser Name steht nahe beim Namen Jesu. Diese beiden Namen bedeuten: «Gott hilft, Gott rettet». Samuel Wagner sucht nach menschlichen Gefühlen, Worten und dem Gotteswort, Verheissung und Segen.



Eigangsworte

Nattern, Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Gericht der Hölle entgehen?
Mit diesen neutestamentlichen Worten von Jesus im Matthäusevangelium im 23. Kapitel, dem Vers 33. ein unbehagliches Wort zur Begrüssung.

Es geht aber auch «alttestamentarisch»: In Jesaja 6, im Vers 1 heisst es: Um den Elenden frohe Botschaft zu bringen, hat er mich gesandt, um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind.
Wann haben Sie das letzte Mal so richtig herzhaft aus tiefster Seele geflucht und wann das letzte Mal ein Wort als Segen erlebt?


An dieser Stelle en Art es Gebät.

I ha eifach gnueg, Gopf

Es längt: Das schiss Corona, die sch...ön Gsellschaft, sie goht mir ufe Sa..pperlot. I mag nüm. Herrgott-nomol. Dä hu...hu-hu Lockdown, i bi down und abe gfahre. Nei, nid d Skipischte. Sicher nid. I weiss, ich sett vernünftig si und nätt, oder mindestens aständig bliibe nid nur uf derä Kanzle do obe. Suuber si und mi an d Reglä halte. Nid go demonstriere, dehei schaffe, d Maske alegge und gliich kei Fasnacht fiire.

I bi jo e stiere Reformierte und e Miesepeter – nei e miese Samuel, wo ganz nüchtern bliibt. Kei Why alängt, kei Süffer und kei Fründ vo Huerä... ebä i bi suuber, e suuberä Schwiizer usem Aargau, däm Kanton, wo mä wissi Socke treit.

I will frei si und nid dänke, nid hirne und studiere, sondern eifach wieder mol s Chalb mache, lustig sii, fiire, jodle, mis Gsicht... nei, das will i uf kei Fall zeige.

S Schöne, s Guetä und s Wohre sell mä nid verschwiige: Gott sei Dank gits Corona. Niemerts längt mi meh a, kein Umarmig und keini Übergriff meh. Fraue und Chinder si gschützt. Und was isch mit de Alte, de Dumme und de einsam Krumme, dä vom Läbe zeichnete und vor Chrankheit verzerrte?

I ha eifach gnueg, Gopf, es längt, ich muess wieder schnuffe chönne – i will nid stärbe. Amen.

Im Namen des dreieinigen Gottes.

Und willkommen zu diesem Gottesdienst und der Frage, was Gottes Wort ist? Ist es Gott der HERR, eine Sie oder ein Es? Ist es Fluch oder Segen. Oder beides, alles oder gar nichts?

Am 27. Januar vor 76. Jahren ist das Konzentrationslager Auschwitz befreit worden.

1 Million und 100 000 Mensch, vor allem jüdische Menschen sind grausam umgebracht worden. Von der roten Armee werden 7000 Menschen befreit.

Ich ringe um Worte. Solche die trösten und solche die mahnen.
Fündig worden bin ich wieder im Buch Jesaja. Dieser Name steht nahe beim Namen Jesu. Diese Namen bedeuten: «Gott hilft, Gott rettet».

Ich habe Fragen auf alle unsere Antworten. Ich suche das Gotteswort, kein Fluch aber Segen.

Heute vor genau 100 Jahren ist Kurt Marti geboren. Der Berner Dichterpfarrer, der so viele treffende Worte schenkt:

„Gott, so denkt man oft, so verkünden Eiferer lauthals, sei Antwort. Spröder sagt die Bibel, dass er Wort sei. Und wer weiß, vielleicht ist er meistens Frage: die Frage, die niemand sonst stellt.“

Dieser Einstieg hat vielleicht düster gestimmt, darum umso mehr: «Singt dem Herrn, alle Völker und Rassen, Tag für Tag verkündet sein Heil». Wir hören das Lied 250.

Lesung aus Jesaja 55, 10-13

Wer alle 66 Kapitel des Buches Jesaja liest (viel Vergnügen, das dauert ein bisschen), wird feststellen können, dass die ersten 39 Kapitel meistens düster daherkommen: Gerichtsworte, Sprüche gegen fremde Völker und das ganze gipfelt in einer universalen Katastrophe. 39 Kapitel Gericht. Dann ändert die Stimmung: 27 Kapitel Hoffnung!

Da setzen wir ein:

10 Denn wie der Regen und der Schnee herabkommen vom Himmel und nicht dorthin zurückkehren, sondern die Erde tränken und sie fruchtbar machen und sie zum Spriessen bringen und Samen geben dem, der sät, und Brot dem, der isst, 11 so ist mein Wort, das aus meinem Mund hervorgeht: Nicht ohne Erfolg kehrt es zu mir zurück, sondern es vollbringt, was mir gefällt, und lässt gelingen, wozu ich es gesandt habe. 12 Denn mit Freude werdet ihr ausziehen, und in Frieden werdet ihr geleitet. Vor euch werden die Berge und die Hügel in Jubel ausbrechen, und alle Bäume des Feldes werden in die Hände klatschen. 13 Wacholder wird spriessen statt der Dornen, Myrte wird spriessen statt der Nessel. Und dem HERRN zum Ruhm wird es geschehen, als ewiges Zeichen; nie wird es getilgt.

Nochmals zu Jesaja: Das Alte Testament hat «christlich» gesehen 39 Bücher. Das Neue Testament 27. Wie war das jetzt nochmals mit der Zweiteilung in Jesaja: 39 Kapitel Gericht, 27 Kapitel Hoffnung.

Diese «christliche» Kapiteleinteilung ist im Mittelalter erfolgt. Der erste Teil des Jesajabuches, die Kapitel 1-39 sollen für das Alte Testament stehen: Gerichtsworte. Die weiteren Kapitel sollen für das Neue Testament stehen: Hoffnung. Das Verständnis Gottes Wort in alt und neu, in Fluch und Segen aufzuteilen, halte ich für gefährlich.

Das Alte Testament gilt «als schwierig». Es ist nichts für fromme Leute. Es seien Geschichten voller Gewalt und einem rachsüchtigen Gott. Viele sagen: Das Neue Testament ist mir lieber. Dort wird Gott als die Liebe beschrieben.

«Nattern, Schlangenbrut!»

Aus christlicher Sicht wird der erste Teil der Bibel oft abgewertet. Ist die jüdische Bibel für Christen «veraltet». Gerne wird begründet, dass Jesus gelehrt habe Gott und den Nächsten zu lieben. Jesus hat diese beiden Gebote aus den 5 Büchern Mose. Die Thora als Gottes Wort.

Predigt

Was also ist Gottes Wort? – Meistens meinen wir damit die Bibel. Als Reformierte ist uns das «Wort» wichtig. Das geht auf Martin Luthers «Sola scriptura» zurück - nur die Schrift allein zählt. Aber ein Wort ist doch eigentlich nichts Schriftliches, sondern mündlich.

Jesus hat nichts Schriftliches hinterlassen. Er hat seine Geschichten mündlich erzählt. Andere haben sie aufgeschrieben: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Wir reden auch nicht von «Gottes Schrift», sondern von Gottes Wort. In der Bezeichnung «Heilige Schrift» bekommt die Bibel einen ganz anderen Klang.

In der heutigen Lesung hören wir, wie Gott spricht: Wie der Regen und der Schnee von Himmel herabkommen, die Erde tränken, sie fruchtbar macht, zum Spriessen bringt, Samen gibt und Brot, so ist sein Wort, «das aus meinem Mund hervorgeht: Nicht ohne Erfolg kehrt es zu mir zurück, sondern es vollbringt, was mir gefällt, und lässt gelingen, wozu ich es gesandt habe. (Jesaja 55, 10-11)

Gottes Wort aus Gottes Mund bekommt es in dieser Jesajastelle eine Art Persönlichkeit. Es geht auf Reise, «es vollbringt», was Gott gefällt, es kann wie eine Person, in seinem Auftrag handeln.

Und kehrt dann wieder zurück.

Jesaja ist schönste Poesie und grosse Theologie. Theologie des AT. Etwa so wie der Römerbrief für das NT. In Jesaja wird die Vorstellung entwickelt, dass Gott nicht in einem Tempel auf Erden sitzen muss und nur dort gehört werden kann, sondern dass Gott Wort und Geist ist. Gott kann überall angebetet werden. Es braucht also keine sakralen Raum. Eine Besenkammer genügt oder ein dunkles Verlies oder sonst ein Loch reicht aus. Gottes Wort kann überall hin gelangen und gehört werden.

Auch zu mir, in meine Note, mein Elend und in eine Katastrophe.

Die Riesenkatastrophe schlechthin der jüdischen Bibel ist Zerstörung des Tempels 586/587 vor Christus durch die Babylonier und das anschliessende Exil.

In dieser Katastrophe wird das Wort Gottes zu einer Hoffnung und einer Zukunft. Die Bibel und ihre Geschichten nehmen eine feste Form an.

Mit welchen Begriffen, Schlagworte und Reden und Geschichten deuten wir aktuelle Ereignisse? Mit welchen Worten.
Ich bin schon gefragt worden, ob Corona eine Strafe Gottes sei. Jemand anderes hat dies sogar sehr wortreich behauptet.

Bei diese Gedanken ist mir übel geworden. Es hat mich daran erinnert, welche AIDS oder andere Krankheiten als Strafe Gottes für unmoralischen Verhalten sind angeschaut worden... Da dreht sich in mir der Magen rum. Nein!

Man kann sich die Welt so zurechtlegen und so deuten, aber dann landen wir automatisch auch bei der Vorstellung, eines Gottes der uns (ver-)flucht und (be-)schimpft, wenn wir ihm nicht folgen. Strafe und Belohnung.

Oder ein bisschen harmloser: So eine Art Gott, wie in der Beziehung von einem Hund zu seinem Herrchen. Der Hund ist abhängig (nicht nur von den Worten) seines Meisters. Das Hundchen versteht seinen Herrn nicht ganz, auch wenn es gut dressiert ist, es hat nicht die gleiche Intelligenz, aber es weiss, es ist von Strafe und Belohnung abhängig. Um sein Herrchen gut zu stimmen, wird mit dem Schwanz gewedelt oder der Hund unterwirft sich in der Hoffnung auf einen guten Happen oder mindestens ein gutes Wort.

So ein Gottesbild ist doch sehr problematisch.

Worte können Fluch oder Segen sein.

Segen auf lateinisch «bene-dicere» meint etwas Gutes sagen. Segen ist «Gute Worte». Gute Worte sind «Segen». Es sind ja «nur» Worte. Aber sie können alles auf dem Kopf stellen. Wir leben von Worte: Einem ehrlich gemeinten Kompliment oder einem Lob.

Worte, die Ja zu mir sagen, Worte die mir zeigen, ich bin akzeptiert, verstanden und angenommen. Worte, welche mich erreichen, zu mir kommen, mich meinen und mich und in meiner Einsamkeit ab- und vielleicht sogar herausholen.

Viele Menschen leiden momentan ganz fest darunter einsam zu sein, kein Gegenüber zu haben, keine Gelegenheit zu haben neue Leute kennenzulernen oder die alten Beziehungen zu pflegen. Zusammen essen, zusammen studieren, zusammen schweigen, zusammen «Pferde stehlen».

Einsam zu sein, ist ein Fluch. Wir brauchen ein Gegenüber.

Das «Allein-bleiben» ist ja wirklich grausam an der ganzen Corona-Epidemie. Allerdings hat es das ja bereits vor Corona so gegeben. Aber die Einsamkeit kommt jetzt viel stärker an die Oberfläche. Wird sichtbar und hörbar.

Wir brauchen gute Worte. Keine Worte mehr zu bekommen und zu haben, ohne Sprache zu sein, bedeutet den sozialen Tod. Ich meine auch nicht unbedingt akustische Worte. Auch taube, stumme oder taubstumme Menschen brauchen und haben Worte.

Worte müssen nicht ausgesprochen sein, manchmal sagt das gemeinsame Schweigen noch viel mehr.

Gute Worte – Segen – ist wie Regen und Schnee vom Himmel, der das Land tränkt und fruchtbar macht und Samen hervorbringt. Wir leben nicht nur vom Brot allein. Worte können wie das täglich Brot sein. Und Gott identifiziert sich mit Worten, die ausgehen und nicht ohne Erfolg zu uns kommen, zu Gott zurückkehren und vollbringen, was ihm gefällt. Gott ist Wort und Gott ist Geist.

Wir brauchen Wort, wir brauchen Geschichten, wir brauchen Wörter, um unsere Gefühle auszudrücken, auch um einmal herzhaft zu fluchen: «Nattern, Schlangenbrut!». Worte der Hoffnung ist und solche die uns Gott fragen lassen. Sehr oft ist sein Wort nur ein Zeichen. Gott als ein Fragezeichen, welches unsere Antworten in Frage stellt.

Was sind die Worte, welche die ganze Bibel zusammenfassen: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst! Lieb! Lieb dich, lieb deinen Nächsten, lieb Gott! Und lieb sogar den, mit den Unworten, deinen Feind, so hören wir es von Jesus.

Um es grandios zu vereinfachen und um erkennen zu können, ob eine Idee oder ein Wort wirklich Gottes Wort ist, diesen abschliessenden Gedanken, um zu prüfen ob es ein Gotteswort ist. ob es etwas mit Gottes Willen zu tun hat. Welches Gefühl leitet mich: Ist es Angst oder ist es Liebe? Gottes Wort bewirkt keinen Geist der Angst, aber immer einen Geist der Liebe. Das Alte Testament sagt, Gottes Wort ist wie Schnee und Regen, der das Land fruchtbar macht, nicht furchtbar und voller Angst. Und die Liebe kann unsere Antworten in Frage stellen, unsere Flüche in Segen verwandeln.

Denken wir daran: Wer hat Gottes Liebe erfunden? Es ist das Alte Testament, die jüdische Bibel, die heilige Schrift Jesu, die er gelesen und erzählt hat.

Amen.
Kontakt: Samuel Wagner
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