Gottesdienst mit anschliessender ausserord. KGV

Gottesdienst mit anschliessender ausserord. KGV
So. 26.05.2019, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ref. Kirche Brunnen, Alte Kantonsstrasse 8, 6440 Brunnen
Musik: Lukas Albrecht
Wenn jemand Durst hat, komme er zu mir und trinke! Johannes 7, 37

Einleitung

Die vergangenen Frühlingsferien haben wir in der Franche-Comté in einer dünn besiedelten Kultur- und wilden Auenlandschaft verbracht. Ungebändigte Flüsse wie der Doubs, die Loue und die Cuissance haben meine Frau und mich begeistert.
Diese Flüsse weisen zu grossen Teilen noch unverbaute Ufer auf, keine Kraftwerke hindern den natürlichen Verlauf.
Als wir in unserem kalten „Mobile-Home“ (am Tag zuvor hat es noch geschneit) ankamen sind, hat uns schon der Gesang der Nachtigallen begrüsst, der Kuckuck hat gerufen, Pirole haben geflötet. Es ist eine Freude gewesen. Am Abend ging ich dann auf die neben dran gelegenen Landwirtschaftsflächen. Für Schweizer Verhältnisse alles topfeben, aber darin integriert Baumgruppen und Hecken, Sträucher, Buntbrachen. Eigentlich wollte ich joggen, es haben aber so viele Feldlerchen gejubelt und sogar Grauammern ihren klirrenden Gesang vorgetragen, dass ich anhalten musste. Schwarzkehlchen haben sich in praktisch in jedem Strauch gezeigt. Bluthänflinge haben mich überflogen. Ich bin hingerissen gewesen. In der Schweiz wäre das unvorstellbar mitten in der intensiven Landwirtschaft so viele Vogelarten. Grauammern brüten in der Schweiz mit total ca. 100 Paaren. Auf diesem Feld neben unserem Camping habe ich um die 10 Stück gefunden. Das Schwarzkehlchen sehe ich normalerweise ein paar, wenige Male pro Jahr. Dort ist es eine Allerweltsvogelart. Jeden Tag haben wir, ohne zu suchen Feldhasen gesehen. Überall sind die bunten Bienenfresser gewesen, welche sich auf Telefonleitungen ausgeruht haben. Unvorstellbar schön.

Diese reiche Tier-, Pflanzen- und Vogelwelt wird ermöglicht durch die noch weitgehend wilden Flussabschnitte. Die Dynamik des Wassers ermöglicht dieses Leben. In einer ursprünglichen Aue in Mitteleuropa können 80% aller europäischer Tierarten leben und 10% können nur in einer solchen Landschaft überleben.

Solche Flüsse sind bis zum vorletzten Jahrhundert eine Naturgefahr gewesen, die den Bauern die Felder überschwemmt hat. Wie ein unheilbringender Lindwurm hat z.B. die Reuss im Urnerland Äcker und Dörfer überschwemmt, Epidemien und Hungersnöte gebracht. Mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert haben die Menschen den Gewässern und damit auch diesen Auen den Kampf angesagt. In der Schweiz ist ein Grossteil der Gewässer in künstliche Flussbette gezwungen worden. Aus wilden Flüssen sind zahme Riesen worden. Den Biber der Baumeister dieser wilden Landschaften ist ausgerottet worden, erobert aber heute wieder sein Habitat zurück.

Im kürzlich erschienenen Bericht zu weilweiten Biodiversität an einer Konferenz in Paris haben die meisten Staaten dieser Welt das vorhandenen Wissen analysiert und ein erschreckendes Fazit zogen. (vgl. https://www.ipbes.net/news/Media-Release-Global-Assessment)

Der Mensch verdrängt das Leben! Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht. (vgl. https://www.nzz.ch/wissenschaft/der-mensch-macht-der-natur-den-garaus-ld.1479623) Ein Drittel der Meeresfischbestände überfischt. Dreiviertel der Landoberfläche und Zweidrittel der Meeresfläche sind durch den Menschen erheblich verändert. Ein Drittel wird als Landwirtschaftsfläche gebraucht.

Haben wir uns Menschen von der Natur losgelöst und sie besiegt? Sind wir stärker als die Urgewalt Wasser geworden?

Die Bibel thematisiert im 55. Kapitel des Buches Jesaja das Wasser, welches Leben ermöglicht zusammen und auch die soziale Frage. Wie geht es dem Menschen und wie verhaltet er sich?

Lesung: Jesaja 55. 1-6 (nach Luther)


1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 
3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. 
4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. 
5 Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.
6 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist.

Predigt

„Die Natur ist eine Rabenmutter“, so hat es der Schriftsteller Lukas Bärfuss nach dem Erscheinen UNO-Berichtes zum Zustandes über die Biodiversität formuliert. (vgl. https://www.blick.ch/meinung/kolumnen/schriftsteller-lukas-baerfuss-ueber-die-daemonisierung-der-menschheit-die-natur-ist-eine-rabenmutter-id15316760.html)
Er kritisiert nicht den erschreckenden Befund zum Artenschwund, aber die darin enthaltene Dämonisierung der Menschheit. Ja, die Menschheit sei daran, alles andere Leben zu verdrängen, aber der Mensch sei auch Teil der Natur. Und die Natur sei nichts Harmonisches. Er regt sich auf, wenn Natur schöngeredet wird: „Living-well in balance and harmony with Mother Earth“. So wird der UNO-Bericht übertitelt. Übersetzt: In Harmonie und Ausgeglichenheit mit der Natur zusammenzuleben.

Die Natur aber ist brutal, es herrscht das Gesetz von „Fressen-und-gefressen-werden“, der Schwache stirbt, der Starke siegt. Und genau diesem Prinzip folgt auch der Mensch. Und wird Opfer seines Erfolgs. Er ist so dominant geworden, dass er die eigenen Lebensgrundlagen, die Vielfalt zerstört, der Boden, die Luft und das Wasser.

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 

Jesaja beschreibt einen grundlegenden Mangel, der Durst nach Wasser. Wasser das Symbol des Lebens. Wir selber bestehen mehrheitlich aus Wasser. Und eine Auenlandschaft mit der Dynamik des Wassers, sie ist der Ort der grösstmöglichen Vielfalt an Leben.

Jesaja ruft laut: Wer kein Wasser hat, soll es sich „umsonst kaufen“. Wer zu wenig zum Leben hat, soll es sich nehmen: „Kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“

Das ist eine wunderbare Provokation. Ruft er hier nicht sogar dazu auf zu stehlen, wenn man nicht genug bekommt?

Es geht um die soziale Frage, es geht darum, dass alle genug bekommen. Dass es Leben gibt. Vielfalt. Nahrung. Essen und Trinken. Luft und Boden. Lebensraum.

In der Ornithologensprache redet man von „Habitat“. Hat es Nistmöglichkeiten, hat es Nahrung, ein Revier, wo man sich behaupten kann? Jeder Vogel hat ganz andere Ansprüche. Wie wir auch.

Der Prophet Jesaja kritisiert sein Volk, dass sie für das Geld ausgeben, was nicht satt macht.

Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?

Eine erstaunliche fast 3000 Jahr alte Kapitalismuskritik. Und wieso bezahlen wir heute für das neueste Handy über 1000 Franken, es sättigt uns nicht, auch wenn wir versuchen hineinzubeissen.

Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. 

Wir sollen hören, dass Gott einen Bund schliessen will. Versprochen wird der Messias, derjenige, der Recht schaffen wird.

Die Situation zurzeit Jesajas ist eine andere als heute gewesen.

Es ist die Zeit des babylonischen Exils. Zuerst ist ein ganzes Volk gedemütigt und die intellektuelle Elite verschleppt worden. Der Tempel und damit auch Gott ist zerstört. Die Existenzfrage stellt sich. Die Menschen fragen sich, wo und wie kann ich leben? Alles ist auf den Kopf gestellt. Wie ein wilder Fluss, welcher nach einem Hochwasser Geröll, Geschiebe und Totholz mit sich gebracht hat, nichts ist mehr am selben Platz.
Die Worte reden in die Zeit am Ende des Exils. Nach vierzig Jahren darf man endlich zurückkehren. Es geht den Menschen wieder deutlich besser. Vielleicht zu vergleichen mit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg mit viel Wirtschaftswachstum und deutlich gesteigertem Wohlstand?

Jesaja kritisiert den Konsum von Dingen, die man eigentlich nicht braucht. Und das gefährdet das eigene Leben. Nach der Katastrophe ist wieder Hoffnung und Optimismus da. Aber auch das soziale Ungleichgewicht.

Das passt: Auch wir nutzen die Schöpfung aus, konsumieren und maximieren. Die Frage nach dem Leben stellt sich.

Leben entsteht immer in der Dynamik von Leben und Tod. Das zeigt auch eine Auenlandschaft auf. Wo ein Fluss nach einem Hochwasser das ganze Flussbett verändert, wird auf den ersten Blick viel Leben zerstört, aber es ist auch Grundlage für neues Leben. Die daraus entstehenden, sogenannten Pionierflächen sind ein Hotspot der Artenvielfalt. Leben und Tod gehören zusammen. Nicht harmonisch, sondern dynamisch und wild.

Die Worte, dass Gott einen Bund mit uns schliessen will, kann man so deuten, dass Gott uns darauf hinweist, dass wir alle Freiheiten wie ein wilder Fluss haben, aber auch die Fähigkeit, uns einzuschränken und zurückzuhalten, nur zu nehmen, was wieder nachwächst, so dass es für alle reicht. Nur zu konsumieren und zu kaufen, was wir brauchen. Wir sind keine wilden Flüsse, die nur leben können und neues Leben schaffen, wenn sie Zerstörung mit sich bringen. Wir können uns im Gegensatz zum Wasser selber beschränken, das Wilde in uns aber nicht ablehnen und mit Gegengewalt bekämpfen, sondern kultivieren.

Die „Natur“, nein!, sie „ist keine Rabenmutter“, weil das Sprichwort überhaupt nicht stimmt. Rabenvögel sind wie genaue Beobachtungen zeigen äusserst fürsorgliche Eltern. Der Ruf der Rabenvögel könnte kaum schlechter sein. Zu Unrecht. Rabenvögel sind intelligent, sozial und vor allem - uns Menschen sehr ähnlich – schlicht unglaublich erfolgreich und anpassungsfähig.

Lassen wir der Natur und dazu gehört der Mensch durchaus auch wild und schön, voller Leben sein. Aber nutzen wir doch unsere Intelligenz zum Nachdenken und Masshalten und hören wir auf andere Geschöpf zu dämonisieren, aber auch die Natur romantisch zu überhöhen. Wir selber sind keine harmonischen Wesen und die Natur als solches ist es schon gar nicht! Vergessen wir die soziale Frage, unsere Mitmenschen nicht. Lukas Bärfuss schreibt:

„Statt den Menschen zu dämonisieren, muss das Bewusstsein für seine Verantwortung entwickelt werden und gefördert werden. (...)“ Und weiter meint er, dass wir unserem Schicksal nur entkommen: „Wenn wir uns auf das besinnen, was den Menschen im Kern auszeichnet: auf seine Solidarität, sein Mitgefühl und seine Sehnsucht nach einer globalen Gerechtigkeit.“

Ich bin mit ihm sehr einverstanden und mit dem Vers 6 möchte ich ergänzen, dass wir aus der Hoffnung auf Gott, den Retter und Messias leben.

Sucht den HERRN, da er sich finden lässt, ruft ihn, da er nahe ist! 

Die Natur, auch unsere eigene Natur zum Vorbild und Ideal zu nehmen, das führt zu „Fressen-und-gefressen-werden“, aber auf Jesus Christus zu hoffen, führt von mir und den Regeln dieser Erde, Welt und Natur weg und verweist auf Solidarität, Mitgefühl und übersteigt das, was wir jemals an Gerechtigkeit zu schaffen in der Lage sind. Wir brauchen Gott fundamental, so wie jegliches Leben Wasser braucht!

Amen.
Kontakt: Samuel Wagner
Autor: Prisca Foehn     Besuche: 14 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch