Gottesdienst im Alterswohnheim

Gottesdienst im Alterswohnheim
So. 31.03.2019, 10.00 bis 11.00 Uhr
Kapelle Alterswohnheim Brunnen, Heideweg 10, 6440 Heideweg 10, Brunnen
Musik: Lukas Albrecht
Zu Gott allein ist meine Seele still, von ihm kommt meine Hilfe. Psalm 62,2

Einleitung

Ein Lied elektrisiert mich. Ein Lied einer 17 Jahre alten Künstlerin aus Los Angeles. Mit 13 Jahren ist sie über Nacht mit einem selber ins Internet gestellten Lied berühmt geworden.

Sie heisst Billie Eilish. Sie hat das Tourette-Syndrom, welches sich mit unwillkürlichen Tics zeigt.

In ihrem aktuellen Musikvideo sitzt sie in einem weissen Kleid auf einem weissen Stuhl, sie trägt wie fast immer mehrere Ketten um ihren Hals und Ringe an den Finger. Auf einem weissen Sockel steht ein Glas mit schwarzer Tinte. Das Lied heisst: „When the party’s over“. Wenn das Fest vorbei ist.

Traurig. So drückt sie das Lebensgefühl ihrer Generation aus. Sie zeigt künstlerisch, was Millionen von Jugendlichen empfinden.

Beim Refrain greift sie zum Glas, trinkt langsam, in einem Zug. Wie wenn man Medizin nimmt. Sie wischt sich den Mund ab, macht eine Bewegung, etwas scheint ihr aufzustossen. Sie schaut in die Kamera. Direkt, mit blauen Augen. Blaue Haare. Die schwarze Flüssigkeit läuft aus ihren Augen, tropft vom Kinn, über ihre Halsketten und die weissen Kleider. Sie fährt sich über das Gesicht, alles verschmiert. Die Flüssigkeit breitet sich überall aus.

Lied: » www.youtube.com/watch?v=pbMwTqkKSps


Quiet when I'm coming home and I'm on my own

I could lie, say I like it like that, like it like that

I could lie, say I like it like that, like it like tha
t

Still ist es, wenn ich nach Hause komme
und ich alleine bin – auf mich gestellt.
Und ich könnte so tun, als hätte ich es gerne, so wie es ist.

Sie sagt, sie will ihr Publikum mit seinen Ängsten konfrontieren. In andern Musikvideos krabbeln Spinnen aus ihrem Mund oder sie bezieht sich auf Horrorfilme. Der Mensch untot, ein Zombie. Sie ist damit ein Idol einer Jugendbewegung, welche sich „Emo“ nennt, die Abkürzung von „emotional hardcore“. Gefühle von Trauer, Verzweiflung und Selbstverletzungen werden thematisiert. Es gibt Teenager welche sich erst spüren, wenn sie sich mit einem Rasiermesser die eigene Haut aufritzen und es kann bis zum Suizid führen.

Billie Eilish hat etwas zu sagen. Sie drückt aus, was gerade schief lauft in dieser Welt im Umbruch.

Das Glas, welches sie austrinkt, ist für mich ein Symbol für alles, was wir uns auf dieser Welt hineinziehen. Der Kampf um Schönheit und Anerkennung, ich verstehe es als Abrechnung mit Leistungsdenken und dem Vorbild, welches die Erwachsenen abgeben. Die Welt geht vor die Hunde. Klimaerwärmung, schwindende Biodiversität, überall auf dieser Welt gibt man sich aufs Dach. Die Welt gaukelt mir vor in einem Schlagersong zu leben, aber die Wirklichkeit entspricht doch viel eher einem Horrorfilm, unsere Ängste verdrängen wir, aber sie kommen einem wieder hoch, sie übertünchen wie in ihrem Video alles. Ihre Kunst verstehe ich als Protest, gegen die alles übertünchende Gewalt gegen Frauen, als Zeichen gegen alles, was mich daran hindert wahrhaftig zu leben.

Die Frage ist also, was nehme ich in mir auf? Welche Wahrheiten trinke ich, welche Bilder konsumiere ich, was lasse ich in mich hinein, was tut mir nicht gut, was stösst mir auf und macht mich zu einem Untoten.

Jesus thematisiert auch, was wir in uns hineinlassen. Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Wer in mir bleibt (betont) und ich in ihm, bringt reiche Frucht.

Was ist Nahrung, Essen und Trinken, Brot welches uns Leben schenkt?

Lesung

Ich lese aus dem Johannesevangelium dem 6. Kapitel, die Verse 32 bis 36.

Die Speisung der 5000 und der Gang über Wasser liegen hinter Jesus. Zwei grosse, ja unglaubliche Wunder haben stattgefunden. Eigentlich könnte sich Jesus über diesen spektakulären Erfolg freuen, seinen Ruhm geniessen. Aber die Leute (so heisst es in V.15) wollten ihn wortwörtlich in ihre Gewalt bringen und zum König machen.

Aber Jesus sagt:

32 Mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 
33 Denn Gottes Brot ist dasjenige, das vom Himmel herabkommt und der Welt Leben gibt.
34 Da sagten sie zu ihm: Herr, gib uns dieses Brot allezeit! 
35 Jesus sagte zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.
36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht.

Predigt

Ruhm, Erfolg und Wunder, das weckt die Lust auf mehr. Aber Jesus widerspricht und zeigt auf „das Brot des Himmels“. Die Menschen haben ihn falsch verstanden. Sie spüren sich nicht mehr. Nach der wundersamen Brotspeisung der 5000 und dem unglaublichen Gang über dem Wasser meinen seine Anhänger ihn verstanden zu haben.

Die Leute wollen Brot, welches den Bauch füllt, aber sie brauchen Gottes Brot vom Himmel.

Brot steht für alles, was lebenswichtig ist. Das Geschenk Gottes, es wächst als Weizen aus der Erde, aber es braucht auch die Arbeit des Menschen. Der Teig aus gemahlenem Korn, Wasser, Salz und Hefe. Diese unterschiedlichen Zutaten werden zusammengebracht und geknetet. Der Teig braucht Ruhe und Wärme, damit er aufgehen kann bis er schliesslich im Ofen gebacken wird.

Brot ist wertvoll. Es lässt uns alle Sinne spüren. Wir können es anschauen, anfassen, tasten, ja sogar hören wie knusprig es ist. Und dann der Geschmack eines frisch gebackenen Brotes! Alle Sinne sind im Spiel.

Eine Geschichte erzählt uns vom „Wert eines Brotes“.

Ein Journalist hat einen Test gemacht. Er hat ein Kilo Brot gekauft und sich in verschiedenen Städten aufgestellt. Die Leute, welche durchgelaufen sind, hat er aufgefordert für das eine Brot eine Stunde lang zu arbeiten.

In Zürich ist er ausgelacht worden.
In New York hat ihn die Polizei festgenommen.
Im afrikanischen Nigeria sind mehrere Personen bereit gewesen für dieses Brot drei Stunden zu arbeiten.
Im indischen Neu-Delhi haben sich schnell mehrere hundert Personen versammelt, welche alle für dieses Brot einen ganzen Tag haben schaffen wollen.

Bei uns wird die Bedeutung des Brotes gar nicht mehr verstanden. Wir können uns so viel wie wir wollen in uns hineinstopfen. Es gibt nicht wenig Leute, welche sagen, dass Brot dick macht. Also Finger weg!

Zur Zeit von Jesus ist die Gesellschaft weitgehend verarmt gewesen. Es hat drei Stände gegeben, welche man in einer Pyramide darstellen kann: Ganz oben die Grossgrundbesitzer, Grosshändler und Steuereintreiber (die Zöllner).

Der Mittelstand hat vor allem aus Fischern, Handwerkern und Kleinbauern bestanden. Diese Leute haben am Existenzminimum gelebt. Von der Hand ins Maul. Durch Krankheit oder Unfall ist so eine Familie schnell in die letzte Schicht abgerutscht.

Diese hat aus Armen, Kranken, Bettlern und Taglöhnern bestanden. Den meisten Sklaven ist es besser ergangen. Schätzungen gehen davon aus, dass über 90% der Bevölkerung zu dieser dritten, ärmsten Schicht gehört haben. Diese letzte Schicht hat die eigene Not gespürt, erlitten und ist oft daran zu Grunde gegangen. Viele haben dann auch den Freitod gewählt.

So versteht man die Bedeutung des täglichen Brots besser. Für die meisten hat es schlicht nicht genug Brot gegeben. Die Zustände sind katastrophal gewesen. Brot ist lebensnotwendig.

Wir haben heute keinen Mangel an Brot, aber trotzdem kann es uns an Nahrung und Leben mangeln.

Unsere Leben hier, sind ganz anders aufgestellt, wir haben Anteil am Wunder, immer genug zu haben, leben in einem unglaublichen Überfluss. Das ist vielen Menschen und zunehmend auch Firmen bewusst, darum unternehmen sie etwas gegen Verschwendung und es gibt Organisationen wie „Tischlein-deck-dich“, wo Leute, welche z.B. auf Sozialhilfe angewiesen sind, günstig Lebensmittel beziehen können. Oft ist es Nahrung, welche zwar schon abgelaufen aber noch gut ist.

Und viele junge Menschen spüren, dass da etwas falsch läuft auf dieser Welt. Sie gehen auf die Strasse und protestieren, damit endlich etwas Spürbares gegen den Klimawandel getan wird.

Jesus aber geht es um ein Brot des Himmels. Diese vergeistigte Sicht überrascht und irritiert. Sonst betont er doch die konkrete Not, das Leiden, auch den Hunger und dass wir etwas tun können und sollen. Hier aber kritisiert Jesus die Gier nach Brot. "Ihr seht zwar was ich tue und wer ich bin, aber ihr glaubt mir nicht."

Wenn Brot das Symbol für alles ist, was wir zum Leben brauchen, weitet sich der Blick. Jesus ist überhaupt nicht gegen die konkrete Linderung des Hungers, sonst würde auch die Speisung der 5000 nicht erzählt werden. Es geht ihm darum, zu überlegen, welches Brot wir essen, ihm zu vertrauen, ihm zu glauben und nicht dem Wunder und Erfolg dieser Welt.
Was stopfen wir in uns hinein, was ist für uns lebenswichtig? Was brauchen wir, um uns richtig zu spüren, zu leben und nicht an der Krankheit Leben zu Grunde zu gehen, zu sterben bevor man gelebt hat.

Was verinnerlichen wir, welche Werte, welchen Glauben, was nehmen wir in uns auf? Das Brot geht vom Mund über die Speiseröhre in den Magen, in uns hinein. Dort wird es – in einem doppelten Sinn – zu Stärke, zu Zucker und geht ins Blut über. Was wir hineinlassen, verändert uns, macht uns stark oder krank.

Mit allem womit wir uns umgeben, womit wir unsere Augen, Ohren, Nasen und Kopf fülllen, das alles geht in uns hinein und über. Wir leben in einem stetigen Stoffwechselkreislauf. Wie wir wissen, ist allzu viel Zucker ungesund. Wenn man ihn im Überfluss zu sich nimmt, wird er zu Fett umgewandelt und setzt an. Wir werden einerseits träge und andererseits immer gieriger, ja süchtig nach dem Ungewöhnlichen und Speziellen. Wer jeden Tag Brot im Überfluss hat, dem genügt es mit der Zeit nicht mehr. Nicht nur, dass es frisch sein muss und hartes Brot weggeworfen wird. Der Kopf verlangt nach Edlerem. Nach Sushi, Lachs und Kaviar. Bis einem auch das zum Hals heraushängt. Das ist der Mechanismus von uns Menschen. Jesus sagt, dass wir nach dem Brot des Himmels verlangen sollen, dem was uns wirklich nährt.

Jesus sagt: „Ihr habt mich gesehen und doch glaubt ihr nicht!“ Selbst die Wunder der Brotvermehrung und der Gang auf dem Wasser schaffen kein Vertrauen, keinen Glauben! Jesus weiss, dass Show, Spektakel und Wunderheilungen keinen Glauben wachsen lassen, sondern verführen. Es braucht „nur“ das Brot des Himmels.

Und Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Wer sich ihm anvertraut, zu ihm kommt, der wird keinen Hunger mehr haben. Wir sollen uns mit ihm beschäftigen, ihn in uns aufnehmen, wie wir es auch im Abendmahl feiern.

Wir sollen den Hunger auf dieser Welt und die von uns Menschen angerichtete Umwelt- und Klimakatastrophe bekämpfen und wir sollen uns auf das konzentrieren, was wirklich Leben ermöglicht. Weil vieles von dem, was wir in uns hinein lassen, in unsere Ohren und Gehirnwindungen, das macht uns krank und traurig. So wie es im Lied „When the party is over“ von Billie Eilish künstlerisch ausgedrückt wird. Jesus sagt: Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Amen.
Kontakt: Samuel Wagner
 
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