Gottesdienst: Haus der Widerspenstigkeit

Haus der Widerspenstigkeit<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-brunnen-schwyz.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>296</div><div class='bid' style='display:none;'>5328</div><div class='usr' style='display:none;'>34</div>
Gottesdienst: Haus der Widerspenstigkeit
So. 22.09.2019, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ref. Kirche Brunnen, Alte Kantonsstrasse 8, 6440 Brunnen
Musik: Jonathan Prelicz mit Band
Und ich ging hin zu dem Engel und bat ihn, mir das Büchlein zu geben. Und er sagt zu mir: Nimm und iss es! Es wird deinen Magen bitter machen, aber in deinem Mund wird es süss sein wie Honig. 
Offenbarung 10, 9

In der Offenbarung stehen diese seltsamen Worte vom Büchlein. Worte, welche man essen soll. Bittere Worte im Magen, welche aber im Maul süss wie Honig schmecken. Es ist so wie Medizin manchmal ist. Früher mussten die Kinder den bitteren Lebertrank schlucken, welcher nachweislich die Gesundheit erhalten hat. Es geht um die Worte Gottes, die vielen widerspenstigen Worte der Bibel welche manchmal sehr bitter schmecken, ungeniessbar wirken, ja fast giftig.

Es ist wie beim Faultier, beim Koala. Sie finden eines im Liedblatt.

Das Beuteltier aus Australiens ernährt sich ausschliesslich von Eukalyptus. Die ätherischen Öle dieser Pflanze sind giftig und haben sehr wenig Nährstoffe. Koalas müssen aufpassen, dass sie nicht zu hohe Konzentrationen essen. Sein einziges Nahrungsmittel kann ein Koala vergiften.

Es sind Faultiere und sie heissen so, weil sie pro Tag 20 Stunden schlafen. Wegen der schwerverdaulichen, energiearmen, ja sogar toxischen Nahrung ist der Blinddarm 2,5 m lang. Das Verarbeiten des Giftes erfordert einen überaus langsamen Stoffwechsel. Die Giftigkeit seiner Nahrung zwingt ihn zur Faulheit.

Auf Stress reagiert es Koala sehr empfindlich. Darum hat es lange Zeit als unmöglich gegolten, dass sie sich in Gefangenschaft fortpflanzen können.

Und noch verrückter: Die kleinen Koalas müssen den verdauten Kot ihrer Muttertiere essen.

Seine Nahrung ist das allerletzte, was ich essen möchte...

Der bekannte Schweizer Schriftsteller, welche im November mit dem Georg Bücher Buchpreis ausgezeichnet wird, hat ein Buch mit dem Titel „Koala“ geschrieben.
Er beschreibt darin das Tier Koala. Wie es von englischen Kolonialisten in Australien ist entdeckt worden. Und später immer weiter verdrängt und fast ausgerottet worden ist. Ein Faultier wehrt sich nicht. Es hängt nur träge, dösend an seinem Baum. Es wehrt sich nicht gegen Angriff. Es isst nichts, was andere essen möchten, es raubt niemand anderem seine Nahrung. Es ist für kein anderes Geschöpf eine Bedrohung oder Konkurrenz. Es ist wie es der Name sagt „faul“ und ohne jegliche Aggression.

Bärfuss beschreibt ihn Koala auch seinen Halbruder. Sein Bruder, der Drogen genommen hat, aber niemanden etwas zu Leide getan hat, sein Bruder welche in einer Notschlafstelle gearbeitet und nur eine Leidenschaft gekannt hat. Er hat eine Vorliebe für ein Kraut gehabt. Er hat gekifft, sein Bruder eigentlich ein friedliebender Mensch, einer der die Arbeit gescheut hat, einer welche sich still gesperrt hat.

Dieser Bruder, er hat sich das Leben genommen. Lukas Bärfuss verarbeitet den Selbstmord seines Bruders. Er erzählt, dass sein Bruder in der Pfadi den Namen Koala erhalten hat und zieht Parallelen. Ein Mensch, der sich der Leistungsgesellschaft verweigerte und einer welcher aus dem Leben ausgestiegen ist. Bärfuss schildert das Tabu um das Thema Selbstmord, man spürt seine Wut und die Unerklärlichkeit, dass sich ein Mensch dazu entscheidet, sich das Leben zu nehmen. Aber vor allem ist das Buch ein Plädoyer, Menschen, welche anders sind leben zu lassen.

Mit seinem Buch Koala leistet er Widerstand, formuliert eine Anklage, welche sich an eine durch und durch ökonomisierte Gesellschaft richtet und die Ideale von Fleiss, Perfektion und Leistungsdenken in Frage stellt.


Lesung: Hesekiel 2. 3-7

Hesekiel ist Priester zur Zeit der Verschleppung von 10 000 Juden ins babylonische Exil um die Jahre 587/597 vor Christus. Für viele Menschen ist es ein existentieller Schock, eine Zeit der Bitterkeit, zu vergleichen mit der Zeit als ägyptische Sklaven. Der Hesekiel redet in wilden Worte und Bilder. Es gibt Stellen in seinem Buch welche einem modernen Zombiefilm entspringen könnten.

3 (...) Mensch, ich sende dich zu den Israeliten, zu Nationen, die sich auflehnen, die sich aufgelehnt haben gegen mich. Sie und ihre Vorfahren haben mit mir gebrochen, so ist es bis auf diesen heutigen Tag. 
4 Und zu den Nachkommen mit verhärteten Gesichtern und hartem Herzen, zu ihnen sende ich dich, und du wirst ihnen sagen: So spricht Gott der HERR! 
5 Und sie - mögen sie hören oder es lassen, denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! -, sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. 
6 Und du, Mensch, fürchte dich nicht vor ihnen und vor ihren Worten. Fürchte dich nicht, auch wenn sie dir widersprechen und Dornen für dich sind und du auf Skorpionen sitzt. Vor ihren Worten fürchte dich nicht, und vor ihren Gesichtern hab keine Angst! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! 
7 Und du wirst ihnen meine Worte sagen, mögen sie hören oder es lassen! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit!

Predigt

Hesekiel hatte eine fast unmögliche Aufgabe zu erfüllen gehabt. Die politische und die persönliche Lage ist enorm schwierig, ja verzweifelt. Die Lage ist bitter.

Es ist anzunehmen, dass sich viele von ihrem Glauben abgewendet und mit Gott „gebrochen“ haben. Mit „verhärteten Gesichtern und hartem Herzen“!

Diesen Leuten soll Hesekiel eine gar nicht einfache, überhaupt kein tröstliche, sondern eine widerspenstige, ja bittere Medizin bringen: Er spricht an, was niemand wissen und hören möchte: Dass Gott für das alltägliche Leben, für die persönliche und gesellschaftliche Entscheidungen überhaupt keine Rolle mehr spielt. Das will niemand hören. Er gegen alle. Er ganz alleine. Was kann er bewirken?

Aber noch 2500 Jahre später kennen wir seine Worte. Der Hesekiel gehört mit Jesaja und Jeremia zusammen zu den drei grossen Propheten. Noch heute wird im Gottesdienst darüber gepredigt. So kleine ist die Wirkung seiner bitteren Worte im Moment auch erscheint, gering ist sie definitiv nicht gewesen...

Hesekiel ein widerspenstiger, ja ein wilder Kerl. Lob muss er keines erwarten. Er geht seinen unbequemen Weg als Prophet. 9 von 10 Leuten lehnen ihn ab. Kennen Sie auch solche Menschen, welche polarisieren und unbequem sind? Also, ich wünsche mir für mich selber lieber die Anerkennung von 9 der 10 und wäre dann zutiefst unglücklich, dass mich nicht alle lieben. Aber Hesekiel geht seinen Weg trotz Ablehnung. Er sucht nicht die Anerkennung, das Lob der andern. Ich aber schwanke oft hin und her zwischen, „Ich-habe-ja-alles-was-glücklich-macht“ und einem Gefühl der Leere, habe das Gefühl irrelevant zu sein. So oft fühlt man sich klein, macht- und bedeutungslos. Gerade als Kirche, so frage ich mich, wird man noch gehört, hat man noch irgendeinen Einfluss oder Wirkung? Das Glaubensgebäude steht auf dem Kopf.

Unsere heutige Deportation, unser Babylon, das ist die Verschiebung grundlegender Werte. Wir glauben an Erfolg, Leistung und Nützlichkeit. Sogar die Würde des Menschen steht im Wettbewerb um Nutzen und Zweck. Die Frage, wie teuer etwas ist, wieviel etwas kostet, ist allgegenwärtig. Alles wird mit Franken und Rappen ausgewiesen: Wieviel kostet ein alter Mensch im Heim? Auch die Diskussion um die Sozialhilfe und wieviele Kinder eine Familie, welche Sozialhilfe bezieht, haben darf ... Wieviel darf ein Mensch kosten? Auch in der Diskussion über seltene Krankheiten und Medikamente, welche 100000 Franken oder mehr kosten.

Oder wie bei meinen Eltern in einem kleinen Dorf im Baselbiet: Post ist geschlossen bzw. in die Drogerie exiliert worden, die Bank kommt auf vier Räder, zwei Mal pro Woche ein oder zwei Stunden. Weil es zu teuer ist, weil es billiger ist online Zahlungen zu machen... Es ist eine Kostenfrage. Unser Alltag, er ist ökonomisiert. Wir messen unsern Wert in Dollars, Euros und Franken.

Alles muss nützlich sein und Gewinn abwerfen und verloren gehen – so beklagen es viele Leute – die sozialen Kontakte, wenn kein Laden, kein Post, kein Bank mehr da ist. Gut gibt es meistens noch eine Kirche, mitten im Dorf oder Quartier.

Aber der Glaube ins unserer heutigen Zeit ist etwas Verdächtiges, ja Gefährliches geworden. Und wenn er toleriert, duldet wird, so wird er – so mein Eindruck – doch oft belächelt. So vieles ist fragwürdig... so bitter und toxisch. Nicht nur wegen den sozialen Medien und den Fake News, welche den institutionalisierten Glauben in der Kirche schon längst abgelöst hat. Geglaubt wird so einiges, es wird eigentlich auch nicht zu wenig, sondern vielleicht wird eben viel zu viel geglaubt...

Wir stecken – politisch korrekt, damit niemand verschreckt, darum verwende ich diesen Begriff – in einer spirituellen Krise. Nein, eigentlich in einer religiösen, nein in einer christlichen Krise, in der „selbstgewählten Gottverlassenheit“, wie es der bekannte Zürcher Pfarrer Niklaus Peter mal formuliert hat.

Ich glaube, es ist eine fundamentale Vertrauenskrise.

Und deswegen ist es unser Auftrag auf die widerspenstigen Worte der Bibel zu verweisen, mutig den eigenen Glauben bekennen und aushalten, dass die Mehrheit anders denkt. Wir können uns an die biblischen Prophetinnen und Propheten erinnern, daran, dass Gott aus Gefangenschaft befreit, daran, dass Gott in der Gemeinschaft zu finden ist, daran, dass Gott ganz anders ist als wir denken, daran, dass alles Abmühen und Schaffen, alle Fleiss und Perfektion vergebens ist, wenn Gott nicht seinen Segen gibt. Und wir sollen ein „Huus voller Lob“ bauen, ein Ort der Menschen aufbaut, die Würde des Menschseins ins Zentrum stellt.

Das „Huus vom Lob“ wird nicht mit Stein und Geld gebaut, sondern aus Menschen, aus uns. Es geht nicht um Wettbewerb, Leistung und Anerkennung, sondern zu allererst um Beziehung, darum den andern sehen! Wir müssen unsere Werte und unseren Glauben neu überdenken und dazu stehen, freudig darüber reden!

Darüber müssen wir als Teil dieser Welt mit der Welt ins Gespräch kommen und Gott wieder zur Sprache bringen, wie es Karl Barth gesagt hat.

Ich frage mich oft, wie wird man in 50 Jahren über uns denken? Wie in 100, wie in 500 oder gar 2500 Jahren? Denken, handeln und glauben wir so gross, wie unsere (auch finanziellen) Möglichkeiten sind? Und oft denke ich, ist das viele Tun, das Streben nach Perfektion und nach immer mehr, dass es das ist, was man uns einst ankreiden wird, wenn wir uns hoffentlich nicht schon selber überflüssig gemacht haben...

Hesekiel heisst „Gott ist stark“ und wir dank ihm!

Und es gibt doch auch so viel Hoffnung: Dass junge Leute protestieren für einen Wandel im Umgang mit Schöpfung, Klima und Menschenrechten!

Es braucht aber nicht nur Aktivismus (das ist auch notwendig), sondern auch das Vorbild andere Werte zu akzeptieren und das eigene anders-sein glaubwürdig vorzuleben.

Und vielleicht denken wir auch nochmal zurück an den Koala. Er muss bittere Medizin, Eukalyptus, kauen. In seinem Magen wird es durch lange Verdauung süss, schenkt ihm das Leben. Ein Leben ohne Handy und Termin, ein Leben am Baum hängend in Geruhsamkeit und ohne Stress. So lobe ich mir die Faulheit und widersetze mich dem Anspruch der Leistungsgesellschaft und dem stetigen Streben nach Perfektion. Ein Koala kann erst dank seinem geruhsamen Leben das Gift des Eukalyptus verarbeiten, aber je gestresster, je ökonomischer, je toxischer unser Lebensstil ist, desto mehr Stille, Ruhe und Kontemplation brauchen wir, um nicht daran zu Grund zu gehen. Koala, das ist ein Symbol des Lebens: Sogar aus dem giftigen Eukalyptus wird Nahrung!

Amen.
Kontakt: Samuel Wagner
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