Gottesdienst, anschliessend Matinée

Gottesdienst, anschliessend Matinée
So. 08.09.2019, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ref. Kirche Brunnen, Alte Kantonsstrasse 8, 6440 Brunnen
Musik: Lukas Albrecht
In der Höhe und als Heiliger wohne ich,
bei den Zerschlagenen und Erniedrigten,
um den Geist der Erniedrigten zu beleben
und das Herz der Zerschlagenen zu beleben.
Jesaja 57,15

Vor dem vergangenen Eidgenössischen Schwingfest in Zug ist ein ehemaliger Schwingerkönig (ich weiss nicht mehr welcher) gefragt worden, wieviel sein Titel rückblickend eingebracht hat.

Er ist ein bisschen rot geworden, hat gezögert und dann geantwortet: „In der Schweiz redet man nicht über Geld!“

Das Schwingen boomt und die Grösse des Festes wird immer grösser: Man diskutiert, ob der Kommerz die Tradition zunehmend überdeckt.

Der Sieger des Eidgenössischen bekommt als Belohnung einen „Muni“. Der hat, so habe ich mir sagen lassen, ca. 30 000 Franken wert.

Experten haben im Fernsehen erklärt, dass ein Gewinner mit Werbung und allem, was ein Sieg am Eidgenössischen einbringen kann trotzdem zum Millionär wird. Aber darüber redet man nicht so gerne ...

Es ist wie der Werbung mit dem Appenzellerkäse: Das Geheimnis seine Würze wird nicht verraten...

In einer Fernsehdokumentation sind Schulkinder in Ostdeutschland gefragt worden, woran sie denken, wenn sie das Wort Schweiz hören: Die erste Antwort. Geld. Danach „Schoggi“, Uhren Sackmesser ...

Auch im Kirchgemeinderat ist es an den vergangenen Sitzungen ums Geld gegangen. Es ist Budgetzeit. Wie wird das Steuergeld eingesetzt, ist vielleicht eine Senkung der Kirchensteuer dran oder müsste man nicht sogar mutig Geld für die am Kick-Off der Vision 2025 vorgebrachten Ideen Geld einsetzen? Zum Beispiel für den Bereich Jugendarbeit, damit wir als Kirche Zukunft haben. Oder muss man in Zeiten der allgegenwärtig diskutierten Klima- und Umweltkrise nicht gerade als Kirchgemeinde besonders vorbildlich handeln und z.B. überlegen, wie man Strom sparen kann und vielleicht sogar mutig den ökologisch besten Strom beziehen und Photovoltaikanlagen fördern.
Sind wir nicht auch gefordert z.B. mit der Konzernverantwortungsinitiave, welche die Gesellschaft und die Wirtschaft rechtlich verbindlich auffordert auch im Ausland die in der Schweiz gültigen Menschen- und Umweltgesetz einzuhalten.

Letztlich sind es die Mitglieder der Kirchgemeinde welche über das Geld, welche man ausgibt entscheidet und Schwerpunkte setzt. Auch wenn man nicht gerne über eigene Geld redet, so muss man trotzdem Stellung beziehen. Geld kann viel Gutes bewirken. Wir wissen auch das Gegenteil. Es ist „Mittel zum Zweck“ und im Unterscheid zum Mitmensch und zur ganzen Natur, hat Geld keine schützenswerte Würde! Es ist einfach Papier. Aber darüber redet man nicht. Ja, ich weiss, man soll haushälterisch und sorgfältig damit umgehen, völlig einverstanden, aber Geld ist kein Selbstzweck. Im letzten geht auch in der Geldfrage darum, was ist sinnvoll für ein gutes Leben, für mich und für andere! Damit beschäftigen wir uns heute in diesem Gottesdienst und wir lernen die Hebräer ein bisschen mehr kennen und ihren Umgang mit dem, was Sinn stiftet.

Darüber reden wir. Ich gebe zu, zuerst vor allem ich, aber vielleicht darf ich auch mit einer mutigen Widerrede und einem daran anschliessenden weitergehenden Gespräch im Anschluss an den Gottesdienst rechnen?

Lesung: Hebräerbrief 13. 1-8

Der Hebräerbrief richtet sich vermutlich an eine christliche Gemeinde in Rom in den Jahren 95 nach Christus. Mindestens 60 Jahre sind vergangen, seit sich der Glaube an den auferstandenen Christus von Jerusalem bis nach Rom ausgebreitet hat.

Lesung Hebräer 13. 1-8

1 Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe!
2 Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, aber vergesst nicht - so haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.
3 Denkt an die Gefangenen, weil auch ihr Gefangene seid; denkt an die Misshandelten, weil auch ihr Verletzliche seid.
4 Die Ehe werde bei allen in Ehren gehalten, und das Ehebett bleibe unbefleckt. Denn Unzüchtige und Ehebrecher wird Gott richten.
5 Führt ein Leben frei von Geldgier, begnügt euch mit dem, was da ist. Denn Gott selbst hat gesagt: Ich werde dich niemals preisgeben und dich niemals verlassen.
6 So können wir getrost sagen:
Der Herr ist mein Helfer, ich werde mich nicht fürchten;
was kann ein Mensch mir antun?
7 Behaltet diejenigen, die die Gemeinde geleitet und euch das Wort Gottes weitergesagt haben, im Gedächtnis; achtet darauf, wie ihr Leben geendet hat, und ahmt ihren Glauben nach.
8 Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.

Predigt

Nach den ersten 30 Jahren unserer Zeitrechnung ist Jesus ans Kreuz geschlagen worden. Einige Jahre später sind viele Zeitzeugen der Kreuzigung und dem Glauben an die Auferstehung auch hingerichtet worden.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sind die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Kurze Zeit später sind 6 Millionen Juden umgebracht worden.

In einer apokalyptisch von Armut und Weltuntergangsstimmung geprägten Zeit zerstören die Römer in den 70er Jahren nach Christi Geburt den Tempel in Jerusalem. Das Judentum zerstreut sich auf der ganzen damaligen Welt. Die ersten Jahrzehnte der Zeitrechnung seit Christi Geburt sind geprägt von Unsicherheit.

Im siebten Jahrzehnts des 20 Jahrhunderts – 1962 – erschüttert die Kubakrise die Welt. Das atomare Wettrüsten ist nur knapp einer Katastrophe apokalyptischen Ausmasses entkommen. In den 70er Jahren warnt der „Club of Rome“, dass der exzessive Verbrauch der fossilen Energien in eine weltweite Krise führt, welche wir heute die Klimakrise nennen.

In den ersten 80 bis 100 Jahren nach der Geburt Christi hat sich der christliche Glaube im ganzen römischen Reich ausgebreitet. Sogar in der Hauptstadt in Rom gibt es christliche Gemeinden, davon geben die Katakomben noch heute ein beredtes Zeugnis ab, darunter ist vermutlich auch eine Gruppe zu finden, welche als Hebräer bezeichnet wird. Die Gemeinde in Rom hat die Auferstehung nicht selber erlebt. Die Apostel tot: Petrus wurde hingerichtet. Jakobus, Paulus auch. Viele weitere auch.

Anfang September blicken wir auf 80 Jahre zurück seit der 2. Weltkrieg mit dem Krieg gegen Polen angefangen hat. Die ältesten noch lebenden Zeugen der Nazizeit – Opfer wie Täter – gehen auf die 100.

In dieser Zeitspanne, in diesen 2000 Jahren bis heute hat sich der christliche Glaube immer weiter ausgebreitet und eine gesellschaftspolitische Sprengkraft entwickelt: Glaubensdynamit!

Einer der Gründe, dass sich das Christentum ausbreiten konnte ist in den ersten christlichen Gemeinden im sozialen Ausgleich zwischen arm und reich, Mann und Frau, fremd und heimisch zu sehen. Und das in einer Zeit von unglaublicher Not und Armut. Hunger ist allgegenwärtig. Als Christen, so bezeugt es das Neue Testament, hat man sein ganzes Geld und Vermögen geteilt und ist dank der Gemeinschaft satt geworden. Das Abendmahl ist nicht primär eine kultische Erinnerungsübung gewesen, sondern wirklich das Teilen des Brotes! Alle sollen satt werden.
Kein Wunder ist der Glaube an den Auferstandenen so attraktiv gewesen. Die Christen sind offenbar in ihrem Handeln sehr glaubwürdig „herüber gekommen“.

Zu dieser Zeit hat u.a. Kaiser Nero regiert, er hat als skrupellos und gewalttätig gegolten. Während seiner Regierung ist er selber in den Verdacht geraten, er habe in Rom ein Feuer legen lassen. Um den Verdacht und die Volkswut von sich abzulenken, hat er viele Christen, Männer und Frauen, hinrichten lassen, ihnen die Schuld gegeben. Immer wieder sind die christlichen Gemeinden verfolgt worden, hat man Vermögen einzogen, gefangene Juden- und Heidenchristen am Kreuz oder in der Arena hingerichtet.

Als Nero gestorben ist, hat die Christenverfolgung nicht geendet: Jetzt kommen wir langsam in der Zeit des Hebräerbriefes. Auch er gibt Hinweise auf Verfolgung. Juden, Judenchristen und Heidenchristen haben weit verstreut im römischen Reich gelebt. Man ist ihnen misstrauisch begegnet und der Glaube hat nicht offen können gelebt werden. Ja, man hat mit Verfolgung und Unterdrückung leben müssen.

Man kann sich gut vorstellen, dass in einem Umfeld, einer Gesellschaft, welche einem anfeindet und verfolgt, wie das die eigene religiöse Identität herausfordert. Im Hebräerbrief heisst es ganz schlicht, dass die Gemeindemitglieder trotz dieser Umstände ihren Glauben bewiesen haben und treu zueinandergestanden sind.

In diesem Zusammenhang muss man den Hebräerbrief verstehen:

„Denkt an Gefangene, denkt an Misshandelte“ (V. 3)

„Führt ein Leben frei von Geldgier“ und „Begnügt euch mit dem, was da ist“ (V. 5)

Besonders stark: „Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, aber vergesst nicht“.

Wer sind die Leute, welche „fremd sind“, sind es unterschiedliche Menschen in diesen Gemeinden. Geht es auch um andere Kulturen, also kurz gesagt Juden- und Heidenchristen. Judenchristen stammen wie Jesus, Paulus oder Petrus aus dem jüdischen Kontext. Heidenchristen aber kommen aus andern Religionen, Völker und lassen sich für den für sie neuen Glauben begeistern. Klammerbemerkung: Heide bedeutet übrigens nur, dass es sich um „Völker der Welt“ (also eigentlich Nichtjuden) handelt.

„Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, aber vergesst nicht“.

Geht es also darum, dass man auch innergemeindlich die Liebe nicht vergisst? Oder sind sogar mit diesen Fremden vielleicht sogar die Verfolger gemeint, geht es also wie bei Jesus um die Feindesliebe?

Ich denke, es geht ganz naheliegend um beides...

Diese Zeit vor fast 2000 Jahren in Rom, sie ist eine komplett andere als unsere heute in Rom und auch eine andere als hier in der Schweiz: Den eigenen Glauben leben zu können, ist damals nur heimlich möglich gewesen. Armut eine alltägliche Erfahrung.

Aber gibt es vielleicht andere Parallelen?

Heute und die Zeit der ersten Christen sind Zeiten am Übergang zu etwas Neuem. Veränderung, Unsicherheit, Angst individuell und gesellschaftlich. Im Kleinen wie im Grossen. Lokal und global.

Zur Zeit des Hebräerbriefes ist es Frage nach der eigenen Identität gewesen, man muss ohne die ersten Zeugen anfangen selber Verantwortung zu übernehmen.

Einer der Unterschiede zwischen damals und heute, ist auch der gewaltige materielle Unterschied: Im Kontext von Armut heisst der Satz „Begnügt euch mit dem, was da ist“ etwas ganz Anderes als in unserer Zeit.

Die Bedrohung ist eine andere: In unserer Zeit ist der Reichtum selber die Gefahr, damals etwa 100 Jahre nach Christus, stellt der eigene Glauben Lebensgefahr dar... Darf ich fragen, welche Gefahr letztlich grösser ist?

Der Glaube ist eine reale Kraft gewesen, vielleicht sogar die einzige, ganz sicher aber ein Vertrauen und eine Hoffnung, dass das Leben sinnvoll ist und die Christinen und Christen für ihre Überzeugung sogar bereit gewesen sind zu sterben.

Heute glauben die Menschen – mindestens bei uns – ganz anders. Wir suchen unsern Sinn auch im sportlichen Lebensstil, im Essverhalten, in der Freizeit.

Durchaus positiv ist, dass einige Menschen merken, dass der Konsum nicht glücklich macht. Diese Suche nach neuem Sinn nimmt dann aber manchmal sogar wieder ziemlich religiöse Züge an: Das Essen, die Gesundheit, Ferien, Fliegen oder Nichtfliegen und der Einkauf, das wird immer mehr zu einer Glaubens- und Bekenntnisfrage. Man steht in einem Kampf um Fitness, Schönheit, um eine Anerkennung, um „Likes“ und individuellem Erfolg. Diese Fragen rumpeln in uns drinnen und stellen uns und unseren Sinn in Frage.

Aber es gibt ja auch noch den Rumor im Äusseren, auf der Welt:

Unterschiedlich verteilte Reichtum. Kriege in Jemen, in Syrien, Konflikt im Kaschmir und Afghanistan, der Handelsstreit zwischen China und USA, Russland überall irgendwie dazwischen. Alle auf der Suche nach ihrer Identität, ihrem Glück und immer wieder der Rückgriff auf das eigene gegen das andere und Fremde, welche kommt und bedroht.
Es scheint, dass die Karten auf unseren Planeten gerade neu gemischt werden. Dazu die allgegenwärtige Krise der Umwelt: Brennender Regenwald, Verlust der Biodiversität, die Klimafrage. Wir werden ziemlich herumgeschüttelt, unsere Identität und Zukunft wird herausgefordert.

Umbruch führt dazu, sich zurückzuziehen, es führt sogar zu sinkenden Kindergeburten. In der Zeit nach der Wende 1989 ist im Osten Deutschland die Geburtenrate drastisch gesunken.
Umbruch und Veränderung führt zum Rückzug ins „eigene Gärtli“, man meint sich schützen zu können gegen das Fremde, indem man das andere, das neue ablehnt. Das zeigt die Welt welche Schiffhäfen zumacht, Mauern baut, Parteien wählt welche die Gegner als Ungeziefer darstellt und beschimpft... Aber es gibt wirklich eine Alternative – nicht nur für Deutschland, sondern für alle Heiden, auch für Schweizer Heiden, für uns, für alle Völker dieser Welt aus der Mitte des jüdischen Volkes: Und das ist die Solidarität unter uns Menschen, dass sich Gegensätze an einem Tisch treffen, sich begegnen. Wie ursprünglich im Abendmahl von Jesus gestiftet.

Auch die im Brief als „Hebräer“ Angesprochene, sie haben sich auf Solidarität berufen, auf die Liebe. Es ist auch einen Rückgriff auf Tradition, auf das, was bereits im Alten Testament: Der Herr ist mein Helfer, ich werde mich nicht fürchten; was kann ein Mensch mir antun?

Wenn wir die christliche Solidarität ernst nehmen wollen, dann braucht’s Gemeinschaft, dann müssen wir die Botschaft der Liebe nicht nur einfordern, sondern einfach vorleben. Auch mit dem Mittel, von welchem wir nicht gerne reden... Das kann manchmal das Geheimnis seiner Würze sein, dass man es mutig, im Vertrauen auf Gott einsetzt. Und darüber darf man nicht nur, sondern soll darüber reden...

Amen.
Kontakt: Samuel Wagner
 
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