Gottesdienst

Gottesdienst
So. 13.01.2019, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ref. Kirche Brunnen, Alte Kantonsstrasse 8, 6440 Brunnen
Musik: Anne Favez
Römer 10, 13-17

Geh zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr. Spr. 6, 6

Einleitung

Wissen Sie eigentlich wieso Ameisen nicht in die Kirche kommen? - Weil sie In-sekten sind.

Zum Glück sind wir keine Sekte, oder doch? Das Wort Sekte leitet sich ab aus dem Lateinischen „sequi“ und bedeutet „jemandem folgen“, streng genommen bin ich als Christ ein Sektenanhänger. Ich folge ja Jesus Christus nach. Eine Sekte ist nach Definition einfach eine Abspaltung von einer vorherrschenden Meinung oder Gruppe. Das tönt nicht gefährlich, im Gegenteil, das ist sogar mutig...

Aber das Wort Sekte wird allgemein so verstanden, dass es sich um eine Sondergruppe handelt, welche sich vereinfacht gesagt so definieren lässt: Es gibt 1) eine Führerfigur, welche nie kritisiert wird, 2) alle Bereiche des Lebens werden geregelt, es herrscht 3) eine totale Kontrolle. Es geht also um vollständige Abhängigkeit, das Gegenteil von Freiheit.

Solche Gruppierungen brauchen gerne Wörter wie „Nie“, „Alles“, „Immer“, also Worte die auf Eindeutigkeit und Absolutheit abzielen. Totalitäre Gruppen nutzen dies aus. Es geht um alles, es gibt nur noch gut oder böse, schwarz oder weiss, richtig oder falsch.

Wenn sich Menschen verloren, alleine gelassen oder verunsichert fühlen, wenn sie sich bedroht oder ohne Perspektive und Sinn fühlen, dann sind sie anfällig für totalitäre Gedanken. Aber auch wenn man dazugehören möchte, aber niemand hat oder die komplett falschen Leute zur Seite hat. Menschen welche nicht differenzieren können.

Unsere aktuelle Zeit ist ja gerade wieder einmal geprägt von absoluten Begriffen und vom Gefühl abgehängt zu sein. Wir ahnen in Europa, dass es nach Jahrzehnten des materiellen Aufstiegs nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr so weitergehen wird.

Letzte Woche habe ich einen bedrückenden Bericht gesehen über Obdachlose in Ungarn. Sie werden mit Hilfe der Polizei von der Strasse und aus Bahnhöfen vertrieben und in Gefängnissen eingesperrt. Ihr Fehlverhalten: Sie sind arm. Man will sie weghaben, sie sollenl nicht gesehen werden, nicht sichtbar zur Gesellschaft gehören.

Und in der Schweiz haben viele Angst, dass der Rahmenvertrag mit der EU die hohen Schweizer Löhne unter Druck setzen könnte.

Unsere Pensionskassen müssen saniert werden. Wir leben zwar immer länger, aber die Börse kann dies nicht auffangen. Im Gegenteil: Die Börse hat trotz
ansehnlichem Wirtschaftszahlen nicht prosperiert.

Neue Gruppierungen bedrängen die etablierten Parteien, das sogenannte Establishment fühlt sich unter Druck. Populisten nutzen diese Stimmung geschickt aus.

Droht uns also bald der wirtschaftliche Abstieg? Irgendwie spürt man diese Angst.

Nicht nur die Börse ist volatil geworden. Auch die politische Stimmungskurve gleicht einem manisch Depressiven, welcher von himmelhochjauchzend zum Tode Betrübten abstürzt. Und wieder auf. Und wieder ab. Da wieder ein Looping und dort ein Fall ins Bodenlose. Wir alle kurz vor dem Erbrechen.

Wir leben in einer anstrengenden Zeit. Vielen wird übel und schlecht. Eigentlich lebe ich lieber in langweiligen, stabilen Zeiten.

Wem oder was soll man glauben?

„Geh hin zur Ameise, du Fauler und lerne!

Die Ameisen lassen uns in diesem Gottesdienst nicht ganz los. Was wir von ihr lernen können, das beschäftigt uns in dieser Feier.

Lesung: Römer 10, 13-17

13 Denn: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.
14 Doch wie sollen sie den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand da ist, der verkündigt? 
15 Und wie soll man verkündigen, wenn man nicht gesandt wurde? Denn es steht geschrieben: Wie sind doch willkommen die Füsse der Boten, die Gutes verkünden! 
16 Doch nicht alle haben auf das Evangelium gehört. Jesaja sagt: Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt?
17 Also kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber geschieht durch das Wort von Christus. 

Predigt

Manchmal fühle ich mich wie eine kleine Ameise vor dem Elefanten. Verloren in einem unendlich, riesigen Universum, umgeben von Geschöpfen, welche alle stärker, grösser und selbstbewusster als ich sind. Gerne wäre ich nur ein kleines bisschen gescheiter, einer welcher versteht, einer der drauskommt. Aber wenn ich ehrlich bin, ich verstehe eigentlich nichts.

Mitten im Advent 1968, vor 50 Jahren, ist der Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, ein Grosser der Theologie, gestorben, einer der viel verstanden und vorausgesehen hat. Karl Barth ist zwischen den Weltkriegen international berühmt geworden für seine Auslegung des Römerbriefes. Er ist eigentlich nur ein einfacher Landpfarrer in Safenwil gewesen. Er hat nicht doktoriert und nicht habilitiert. Ihm ist bei der Lektüre des Römerbriefes auf Schärfste klargeworden, dass Gott nicht bestimmbar ist. Wir sind total abhängig. Nicht wir herrschen über Gott, sondern Gott über den Menschen. Alle Versuche Gott zu verstehen, müssen scheitern, sind unmöglich. Der Schöpfer von Himmel und Erde übersteigt alles Vorstellbare. Ihm gegenüber sind wir wie krabbelnde Ameisen.

Wieviel gibt 3 minus 2? Das ist bereits schon eine unmögliche Rechnung für eine Ameise, soweit ich das weiss. Sie wird es nicht verstehen, auch wenn wir sie optimal fördern würden. Wir könnten ihr einen Taschenrechner, ein Handy oder einen Computer oder auch unseren Kirchgemeindepräsidenten, der ein begabte Physiklehrer ist, oder was oder wer auch immer zur Verfügung stellen. Sie wird es nicht schaffen.

Sogar für einen Erstklässler wäre diese Division ganz einfach im Kopf zu lösen... Aber nicht für eine Ameise. Wir können ihr beim besten Willen nicht helfen. Es ist aussichtslos. Wir müssten eine Ameise werden, möchten wir sie wirklich verstehen können.

Gott gegenüber sind auch wir wie Ameisen. Oder im Verhältnis nochmals zig Milliarden kleiner.

Wir verstehen nichts!

Wir vermittelt man einer kleinen Ameise die einfachsten Rechenaufgaben, welche sogar ein Erstklässler löst?

Man muss vereinfachen, man muss anschaulich sein, z.B. mit kleinen Würfelzuckern begreiflich machen, worum es geht, indem man den Zucker wegnimmt und wieder hinzufügt.

Ich habe jetzt in meinen Worten, zu erklären versucht, was mir von Karl Barths in seinen dreizehn unvollendet gebliebenen Büchern - dicken „Schunggen“ - mehrere tausend Seiten umfassend, was mir von seiner Dogmatik als Essenz geblieben ist. Und ich muss zugeben, ich habe seine Dogmatik nicht gelesen und geschweige denn verstanden, ich habe es gerade mal geschafft seine Auslegung des Römerbriefes anfangen zu lesen. Zurück geblieben ist mir ein Brummschädel. Also habe ich es mit einer kürzlich erschienenen Biographie versucht.

Auch dort finden sich seine berühmtesten, aber komplizierten und doch genialen Sätze, wie z.B. „Wir sollen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.''

Für mich ist damit das Wichtigste seiner dialektischen Theologie zusammengefasst. Wir sollen von Gott reden. Aber wir sind kleine Menschen, „Ameisen“, und eigentlich können wir es nicht. Aber wir sollen trotzdem beides tun. Wissen, dass man von Gott reden sollen, aber auch wissen, dass wir es nicht können. In diesem widersprüchlichen Bewusstsein, im Aushalten und Zulassen vom Sollen und Nicht-Können, loben wir Gott, ehren wir ihn.

Ich weiss, mit diesen dialektischen Sätzen und scheinbar widersprüchlichen Gedanken machen nicht nur meine Gehirnwindungen Loopings, ich fahre blind in intellektuelle Sackgassen und begib mich in geistigen Gegenverkehr auf der Einbahn. Karl Barths Hauptgedanke aber ist eigentlich nicht so kompliziert, sondern einfach einleuchtend.

Wenn wir nicht mehr von Gott reden, ihn vergessen, ihn im Alltag, in der Kirche und Politik einfach links liegen lassen, dann wird die Welt nicht gott- sondern hoffnungslos. Wenn wir aber demgegenüber meinen alles über Gott zu wissen, dann wird es gefährlich. Nicht mehr mit Gott zu rechnen führt in die Trostlosigkeit und das zweite, die Überidentifikation, ja das sich selber als Gott aufzuspielen führt zu Gewalt.

Der Glauben an Gott ist keine Leistung und schon gar keine Auszeichnung besonders zu sein. Glauben ist immer ein Geschenk. Wir sollen an Gott glauben, aber können es gleichzeitig auch wieder nicht. Wir stossen nicht nur im Glauben ständig an unsere Grenzen, überall, an jedem Ecken; wir werden immer wieder mit uns selber, wer wir sind, wie wir handeln und unserem Anfang und irgendeinmal, ganz bestimmt mit unserem Lebensende konfrontiert.

Wir wüssten es eigentlich: Wir werden alle sterben! - Aber wir sollen leben und glauben!

Wenn wir meinen, die Spannung zwischen Leben und Tod nicht aushalten zu können, dann übernehmen andere, welche uns ihren Glauben, nein ihre Ideologie aufzwingen. Suspekte Leute, welche gerne in diese Lücke springen.

Karl Barth hat im Deutschland der 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts gelebt. Die Nationalsozialisten sind an die Macht gekommen. Die Kirche hat sich in zwei Lager gespaltet. Es hat die „Deutschen Christen“ gegeben und die von Karl Barth und auch von Dietrich Bonhoeffer angeführte „Bekennende Kirche“. Die ersten haben das Spiel der Nationalsozialisten mitgespielt. Barth aber hat den Eid auf Adolf Hitler verweigert, welchen er als Professor einer deutschen Universität hätten leisen müssen. Das hat zu seiner Abberufung geführt. Viele Christen sind aber damals auf der falschen Seite gestanden.

Und ich frage mich immer wieder, heute: Nehme ich an meinem Ort, an meinem Platz genügend Stellung, setze ich mich mit aller Kraft dafür ein, dass ich auch in 10, 20 oder 100 Jahren noch ein gutes Gewissen haben kann? Wo sind meine blinden Flecken?

Wir sollen von Gott reden, sonst machen es andere. Wir können aber nicht von Gott reden, fühlen uns vielleicht nicht genügend berufen, zu schwach oder unfähig. Aber wir sollen von Gott reden. „Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“ (V. 13)

Den Herrn anrufen, was heisst das? – Angesprochen sind die, welche sich eingestehen, dass sie Hilfe brauchen, dass sie es nicht selber im Griff haben, dass Gott uns übersteigt. So sehr, dass Gott selber Mensch geworden ist.

Nicht nur an Weihnachten, sondern jedes Mal, wenn wir die biblischen Geschichten, wenn wir die Taten und Worte von Jesus Christus weitererzählen, dann wird Gott jedes Mal von neuem Mensch. Wir sollen Gutes erzählen, auf das Gute hinweisen, es vorleben. So wird Gott Mensch.

Jetzt stellen Sie sich vor, als Mensch hätten wir die Chance als Ameise neu geboren, inkarniert zu sein. Sie hätten die Gelegenheit eine Ameise zu werden und den anderen Ameisen z.B. das Ein-Mal-eins zu erklären. Die Ameisen würden vielleicht sogar so ein Fest erfinden, welches die Ameisenwerdung des Menschen feiert. Sie würden einen kleinen Zweig einer Tanne in der Mitte ihres Ameisenhaufens aufstellen, mit „Leuchtkäferli“ schmücken und sich der Bauch mit viel Fett und Zucker füllen.

Der Mensch hätte sich auf die Ebene des Insektes begeben, Augenhöhe eingenommen, so dass sie Mensch und Ameise verstehen und verständigen könnten. Friede und Freude würde herrschen auf dem ganzen Planeten...

Haben Sie eigentlich gewusst, dass Insekten können Ultraschall erzeugen, Infrarot messen, explodieren, Fallgruben stellen, Sklaven halten, Pflanzenwachstum steuern und das Verhalten anderer manipulieren. Eine fast unglaubliche Zahl von 38 000 Arten bevölkert alleine Mitteleuropa. Da könnte einem angst und bange werden. Ja, ich rede von winzigen Insekten und belegten wissenschaftlichen Fakten.

Die Gefahr würde also bestehen, dass sich diese Ameisen nach der Ameisenwerdung des Menschen überschätzen, die Weltherrschaft übernehmen und alle andern Geschöpfe bedrohen und an den Rand der Auslöschung bringen ...

Gott sei Dank sind wir Menschen keine gefährlichen Ameisen!

Und um wieviel grösser ist doch das Potential von uns Menschen? Unsere zerstörerischen Möglichkeiten sind beträchtlich, aber doch auch unser aufbauenden, schöpferischen, kreativen Leistungsvermögen. Auf welche Seite zieht es uns?

Wir brauchen Glauben und Hoffnung – gerade wenn uns der Jahresanfang bewusstmacht, ein neues Jahr ist angebrochen.

Der Glaube kommt aus der Verkündigung, sagt Paulus im Vers 17. Aus dem Wort Gottes, also aus Jesus. Jesus zeigt sich uns (er hat sich als Mensch offenbart) – wir sollen aus tiefsten Herzen an Jesus Christus glauben, lieben und hoffen! Und gleichzeitig wissen, dass wir es nicht können. In diesem Bewusstsein, in dieser Demut und Bescheidenheit geben wir Gott die Ehre.

Amen.
Kontakt: Samuel Wagner
Autor: Prisca Foehn    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch