Gottesdienst

Gottesdienst
So. 11.11.2018, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ref. Kirchgemeindehaus Brunnen, Alte Kantonsstrasse 8a, 6440 Brunnen
Musik: Lukas Albrecht

Eingangswort

Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch. 1. Thess 5, 23a

So feiern wir diesen Gottesdienst am 11. November, am Martinstag, im Namen des dreieinigen Gottes. Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Der Heilige Martin, noch bekannter in der katholischen Kirche, ist Soldat in einer römischen Eliteeinheit gewesen. Er hat sich Menschen am Rand der Gesellschaft eingesetzt. Er ist Patron der Armen und Kriegsdienstverweigerer.

Herzlich willkommen zu dieser Feier genau 100 Jahre nach dem Ende des 1. Weltkrieges.

Sollten Sie zu Hause auch einen Garten haben, haben Sie wahrscheinlich auch schon von der Giftspritze gehört. Nein, ich meine jetzt nicht die aus der Nachbarschaft, sondern die Kanne mit Pestizid, welchen den Rasen giftgrün und das Leben kaputt macht.

In einer Studie hat der Hersteller des Herbizids „Roundup“ dieses Gift auf Regenwürmer gesprüht, um zu beweisen, dass nur die sogenannten Unkräuter absterben.

Vor Kurzem ist aber in einem unabhängigen Versuch festgestellt worden, dass die Würmer zwar nicht sterben, aber viel weniger Eier bzw. Nachwuchs haben. Es tötet also nicht sofort, sondern „nur“ langsam.

Wie mit dem Pestizid im Garten ist es auch mit dem Gift, welches Worte versprühen: Propaganda auf Plakaten und in Internetforen. „Geld für unsere Kinder, statt für eure Asylanten. Oder man beklagt sich: „Fremd im eigenen Land. Wir verlieren unsere Heimat.“ Oder in Gesprächen: „Den Flüchtlingen bezahlt man alles, aber ich muss mit 2700 Franken im Monat leben.“

2700 Franken ist wirklich nicht viel Geld und man muss sehr gut budgetieren, auf einiges verzichten.

Aber die Geflüchteten welche ich kenne, leben zu zweit in einem kleinen Zimmer, bekommen 8 Franken Essensgeld pro Tag und 20 Franken im Monat für Kleider. Wenn sie krank sind, müssen sie zuerst die Betreuungsperson fragen, ob sie zum Arzt dürfen. Hat jemand ein Loch im Zahn, wird nicht geflickt, sondern gezogen. Ein junger Mann wartet seit 3 Jahren auf ein zweites Gespräch beim Staatsekretariat für Migration, welches darüber entscheidet, ob er in der Schweiz bleiben darf. Seit 2015 hat er nur eine zugewiesene Arbeit für 7 Franken am Tag verrichten dürfen, z.B. die Toilette im Schulhaus putzen oder Zahnbürsten einpacken. Er ist Hazara. In seinem Herkunftsland verfolgen die Taliban diese ethnische Minderheit. Seine Familie hat er seit Monaten nicht mehr erreicht. Es ist für ihn kein Leben in Luxus – im Gegenteil.

Vorurteile, Verallgemeinerungen, Vereinfachungen können die Beziehungen vergiften, so wie Glyphosat mit der Zeit das Leben im Boden absterben lässt.

Lesung: Markus 10. 13-16 (RG 327)

13 Und man brachte Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber herrschten sie an.

14 Als Jesus das sah, wurde er wütend und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.

15 Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.

16 Und er schliesst sie in die Arme und legt ihnen die Hände auf und segnet sie.

Predigt

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, also vor 80 Jahren und einem Tag haben die Synagogen im gesamten Deutschen Reich gebrannt. Aber auch in Österreich und in der Tschechoslowakei. 
Der 9. November ist der Tag, an dem organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand gesetzt haben. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet worden sind. Diese Nacht ist das offizielle Signal zum grössten Völkermord in Europa gewesen.

Und heute am 11. November ist Martinstag. Er geht zurück auf Martin von Tours, bekannt von der ritterlichen Legende, als er seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat. In Byzanz im oströmischen Reich ist es der letzte Tag vor der weihnachtlichen Fastenzeit. Und daneben ist es der Tag gewesen, an dem man seinem Herrn den Zehnten, die Steuern in Form von Naturalien abliefern. Das Wirtschaftsjahr endete an diesem Tag, es wird abgerechnet.

Auf eine unheilvolle, schreckliche Art und Weise trifft das auch auf die Reichspogromnacht vor 80 Jahren zu. Die Nationalsozialisten haben den Juden nicht nur den Besitz genommen, haben nicht „nur“ die Fenster der Synagogen zerstört, sondern sie haben die Vernichtung der Juden offizialisiert, sie haben abgerechnet mit unschuldigen Kindern und Familien. Den Nationalsozialisten ist es in den Jahren vorher mit Einschüchterung und Propaganda gelungen, zu überzeugen, dass die Juden an der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der darauffolgenden Demütigung Schuld haben, und dass Deutschland erst dann wieder aufblühen kann, wenn sie nicht mehr da sind. Weg oder noch besser tot. Propagandistische Worte, Vereinfachungen sind am Anfang gestanden. „Nur“ Worte.

Eigentlich bedeutet das lateinische Wort propagare oder deutsch Propaganda nichts anderes als die Verbreitung einer Idee.

Um zu punkten, müssen es die Leute verstehen, es muss einleuchten.

Menschen sehnen sich nicht erst seit heute nach Klarheit, Deutlichkeit, Einfachheit. In der Rhetorik gilt die Regel, sag deine Botschaft so, dass es auch ein Kind versteht. Mein Deutschlehrer hat immer gesagt: Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze! Möglichst wenig Nebensätze, keine verschachtelten Einschübe oder komplizierten Gedanken. Formuliere dich so, dass du es in deinen eigenen Worten ausdrücken und erklären kannst. Mündlich und bildhaft!

Und eigentlich gibt uns auch Jesus indirekt diesen Tipp. Nimm das Himmelreich an wie ein Kind! Wie ein Kind, das bedeutet, nicht kompliziert, sondern unvoreingenommen. Um wie ein Kind zu werden, müssen wir wie ein Kind - kindlich - werden. Wie ist ein Kind?

So wie auf einem Ausflug im letzten Herbstferienplausch. Wir sind im Wald und spielen im Gelände. Da kommt ein 5-jähriger unsere Gruppe angesprungen. Seine Augen sind rot. „Ich muss sterben, ich muss sterben. Aua, aua!“ Er hat die ganze Aufmerksamkeit der versammelten Begleitpersonen. Er zeigt auf eine Stelle an seinem Körper. Ich weiss nicht mehr, ob es der Finger ist. „Ein Viech hat mich gefressen.“ – „Eine Wespe hat dich gestochen?“ – Zuerst keine weitere Antwort. „Es ist auf dem Boden gewesen und, und ... Ist es giftig und muss ich jetzt sterben?“ Wir können ihn beruhigen und innerlich schmunzeln wir über seine drastischen Worte.

Ein Kind ist abhängig von Fürsorge und Liebe und sucht, wenn es Angst hat Zuwendung und Schutz. Ein Kind ist fragend, ungefiltert und direkt.

Wir sollen sein, wie Gottes Kinder. Wir dürfen unsere Ängste, unsere Gefühle mitteilen.

Aber unsere Welt und unsere Fragen sind so erwachsen und so kompliziert. So wirr und unverständlich. Wir Menschen haben es gerne einfach, eindeutig, wir wollen für alles die Ursache beim Namen genannt haben. Darum brauchen wir auch Sündenböcke. Schwarz auf weiss. Deutsch und deutlich.

Wenn im Mittelalter eine neue Krankheit z.B. die Pest aufgetaucht ist, hat man wissen wollen, woher sie kommt. Weil die Medizin es noch nicht hat erklären können, hat man Schuldige gesucht: Frauen sind als Hexen diffamiert worden, Juden als Sündenböcke und Brunnenvergifter. Und wer hat eigentlich Jesus ans Kreuz genagelt? Das sind doch auch die Juden gewesen. Die Söhne des Teufels.

Die Worte und Taten der Menschen können so schrecklich sein.

Aber so dunkel uns das Mittelalter heute erscheint, wir irren uns, wenn wir meinen, es sei heute anders. Wie ist es in den 80-er Jahren gewesen als AIDS aufgetaucht ist. Ein bekannter Skifahrer aus dem Wallis hat von der Strafe Gottes gesprochen. Ein klares Problem, eine einfache Antwort.

Es ist auch das Rezept der Mächtigen dieser Welt in Washington, in Brasilia, in Manila, Warschau, Budapest, Ankara, ja auch in Bern oder Schwyz, ja auch in meiner Familie oder Ehe. Natürlich muss hier differenzieren und genau hinschauen, sonst wird man selber zum Propagandisten oder Populist, welche die Masse aufscheucht oder zu hetzen beginnt gegen Minderheiten. Man darf nicht verallgemeinern. Man darf nicht von einem Fall auf das Ganze schliessen, sonst ist man schnell ein Verschwörungstheoretiker. Aber wir haben es gerne einfach und wir wollen komplizierte Dingen, einfach, einfach verstehen. Aber oft sitzen wir einem Irrtum auf. Wir haben im Lied „Gott ist gegenwärtig“ gesungen, dass uns Gott „einfältig“ machen soll, „innig abgeschieden“. Für mich klingt vor allem das zweite wie eine antieuropäische Parteipropaganda der neuen Rechten. Wir tauschen die Begriffe gerne aus, Manipulatoren tun das ganz bewusst. „Dem Volk aufs Maul schauen“, hat Martin Luther gesagt. Probleme beim Namen nennen und unzweideutige Wahrheiten propagieren. So tun, als wenn es für alles eine Lösung oder Erklärung gibt. Das ist eben die Einfalt und nicht die Vielfalt. Ich bin lieber viel- statt einfältig. Es ist wie die Unterscheidung zwischen kindisch und kindlich.

Aus dem scheinbar Gleichen kann ganz Unterschiedliches abgeleitet werden. Kindisch ist z.B. das Trotzen. „Nein, ich höre dir nicht zu!“ oder „Ich habe recht!“ Mein eigenes Gefühl, meine Emotionen haben immer recht, nicht die Sache oder die Fakten. Kindlich ist aber etwas ganz Anderes. Ich weiss nicht alles, ich kann nicht alles, ich bin abhängig und eingebunden in Beziehungen – eben nicht abgeschieden, sondern offen und neugierig. Kindlich heisst, ich fühle mich nicht gross auf Kosten der andern, sondern nehme die Probleme dieser Welt mutig in Angriff. Kindlich heisst, ich habe keine Angst vor der Zukunft, weil ich mich der Liebe und Zuwendung sicher bin. Mein Selbstvertrauen beruht nicht auf meinem Gefühl der eigenen Grossartigkeit oder Bedrohtheit, sondern in der Gewissheit geliebt zu sein, ohne dafür etwas getan oder geleistet zu haben. So wie mir mein Leben geschenkt ist, so weiss ich auch um seine Verletzlichkeit, weiss wie unsicher meine Existenz ist. Und darum kenne ich auch mein Wert und den meiner Mitmenschen.

Besser als ich mich kenne, kennt mich Gott. Auch meine hellen und dunkeln Wege sind ihm bekannt. Meine kindischen und einfältigen Entscheidungen und meine guten Ideen. Ich bin ein Kind Gottes. Jesus wird wütend, wenn wir daran gehindert werden, zu ihm zu kommen können. Jesus herzt die Kinder, nimmt sie in die Arme, legt die Hände auf, segnet sie.

Wir sollen einfach werden, aber nicht den Geboten und Schreihälsen dieser Welt nachrennen. Einfach zu sein, Gottes Reich anzunehmen heisst nicht ein dumpfer Simpel zu sein, seinen Verstand an der Garderobe abzugeben, sondern ein Kind Gottes zu sein, jemand zu sein welcher kritisch denkt und sein Vertrauen verschenkt, jemand, der mutig ist, Nein zu sagen, jemand der gegen den Strom schwimmt, der wie Jesus wütend werden kann, wenn Grenzen aufgebaut werden, wenn seine Kinder vor Türen, Stacheldrähten oder Mauern warten und stehen gelassen werden.

Ein Kind Gottes verallgemeinert nicht, grenzt nicht aus, sondern es teilt, wie ein Kind teilen würde, so wie Martin von Tours seinen Mantel mit seinem Schwert in zwei Teile schneidet für den frierenden Bettler am Wegrand.

Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen!
Kontakt: Samuel Wagner
Autor: Prisca Foehn    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch